Am Donnerstag, 08.03.2012, wird in der Sendung Digital.Leben bei Ö1 ein Beitrag über storify gesendet, zu dem ich ein paar O-Töne beisteuern durfte. Storify, Storify, Storify? Richtig, das ist das Socialmedia-Kuratierungstool, über das bei medienleiter im vergangenen Jahr ein paar Mal berichtet wurde. Es bietet dem Journalismus (aber natürlich auch anderen) faszinierende Möglichkeiten, Erzählformate auf der Basis von Gatewatching zu entwickeln. Seitdem ist viel und wenig passiert.
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Für alle, die storify (noch) gar nicht kennen, ein paar Aspekte, die das Tool reizvoll machen:
- Such- und Importfunktion für Twitter, Facebook, Youtube, flickr, Instagram & Google Search, URL-Embeding
- einfach und schnell zu bedienen mit Drag & Drop Funktion
- man kann den ausgewählten Content so anordnen, wie man möchte
- Text- und Kommentarfunktion, was storify nicht zuletzt auch als Bloggingtool interessant macht
- man kann storify-Geschichten in Websites und Blogs embedden]]
Erst cool und dann…?
Nach einer kurzen Hypephase im Frühjahr 2011 ist storify hierzulandeim öffentlichen Socialmedia-Bewusstsein erstmal wieder abgetaucht. Das ist aber ganz normal: einerseits weil die ‘Hypewertszeit’ neuer Entwicklungen extrem knapp bemessen ist (siehe Google+), andererseits weil nach der Hype-Phase des spielerischen Experimentierens, jene User, die dabei bleiben, Zeit benötigen, um dem Neuen auch einen tatsächlich praktischen Nutzen für professionelle Zwecke etc. abzuringen. (So können erst gehypte und dann geschasste Entwicklungen am Ende doch überleben – vorausgesetzt, sie taugen etwas.)
storify wofür?
+ storify ist v.a. dort sehr praktikabel, wo eine Gatewatching-Funktion gefragt ist, wo es darum geht, Content, den Netzuser auf verschiedenen Plattformen sharen, zu kuratieren und in einem kompakten Erzählformat zu Geschichten mit einem Anfang und einem Ende zu verweben.
+ Außerdem bietet das Programm die Möglichkeit, die Verläufe und Wendepunkte von Socialmedia-Debatten und -Diskursen übersichtlich abzubilden. Bei 5000 Tweets zu einem #Themen-Hashtag, 1000 Facebook-Postings, Fotos, die über verschiedene Plattformen verstreut im Netz zirkulieren, verliert man klarerweise sehr rasch den Überblick. storify-Kuratierung kann z.B. helfen, markante Verläufe und Themenstränge – anhand ausgewählter Fallbeispiele – darzustellen. In einem kompakten Format lassen sich Entwicklungen auch visuell gut abbilden.
+ Durch die Möglichkeit Videos, Fotos, verschiedene Textgattungen auf der Basis eines erzählerischen Konzeptes zu verknüpfen, bietet storify auch gute Möglichkeiten für echtes Multimedia-Storytelling.
Wofür nicht?
- Schwächen weist storify auf, wenn man z.B. Live-Blogging zu Themen mit sehr hoher Socialmedia-Frequenz machen möchte. Dann ist das Programm mit dem Hineinladen des Content recht rasch überfordert und Echtzeit-Kuratierung ist nicht mehr sinnvoll möglich. Diese Erfahrung machte ich, als ich anlässlich des Meistertitels von Borussia Dortmund in der letzten Bundesligarunde der vergangenen Fußballsaison live storify-en wollte. Mit Tweets aus der Emotion heraus, mit Youtube-Videos von Fans etc. No way… Auch ein Versuch vergangene Woche ist nicht wirklich zufriedenstellend verlaufen.
- Bei den Möglichkeiten für kollaboratives Kuratieren kann storify noch deutlich zulegen.
(Gute Anregungen für weitergehende Beschäftigung bietet dieser netzwertig-Artikel.)
Fallbeispiel Kulturjournalismus
Für den Kulturjournalismus kann storify bedeuten, dass “on the ground”-Experiences von Konzert- oder MuseumsbesucherInnen, die via Twitter, Facebook etc. in die (Semi)Öffentlichkeit entlassen werden, in einem kompakten Format zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft werden. (Ich selbst habe dies anlässlich eines Museumsbesuchs in Berlinsowie am ersten Tag des letztjährigen Wiener popfests mal getestet.) Auch wenn man mit derlei Zuschreibungen immer vorsichtig sein sollte, so lassen sich mit Gatewatching & Kuratierung auf authentischere Weise (als im klassischen Kulturjournalismus) Stimmungen einfangen. Ich würde meinen, dass sich hier eine gute Ergänzung zum traditionellen Kulturjournalismus (mit seinem Modell des privilegierten Kritikersubjekts) abzeichnet – ohne dass letzterer dadurch obsolet würde. Die Perspektiven von Audiences zu kompakten Erzählungen zusammenzufügen, kann eine sehr spannende Aufgabe sein, wie ich festgestellt habe, und auch professionellen Kritikern eine nützliche Grundlage bieten. (In dieser Geschichte habe ich mich einlässlicher damit befasst.)
State of the Art im Journalismus
Wenn man sich ansieht, wie Medien storify in ihrer Berichterstattung nutzen, dann stellt man fest, dass es im deutschsprachigen Raum nur wenige sind, die dies überhaupt versuchen. Das mag auch damit zu tun haben, dass Socialmedia-Kuratierung in einer rechtlichen Grauzone angesiedelt ist (Urheberrecht, Zitatrecht, was bedeutet Kuratieren, wo beginnt das bloße Aggregieren? Etc.). Viele lassen deshalb wohl lieber ganz die Finger davon. Bei jenen Medien, die storify im Rahmen ihrer Berichterstattung (meist über Randthemen) einsetzen, stellt man fest, dass der Gatewatching-Aspekt durchaus ernst genommen wird, dass es aber beim Storytelling noch viel Luft nach oben gibt. Als Beispiel für den Befund kann etwa die storify-Geschichte der Frankfurter Rundschau mit dem Titel Stars twittern über die Oscar-Nacht herangezogen werden. Die Idee, die Nacht der Nächte aus Sicht der Protagonisten zu erzählen, ist durchaus originell, allerdings hätte eine thematisch ausgerichtete Erzählstruktur eine deutlich spannendere Geschichte ergeben. So wie es gemacht wurde, hätte man die Tweets auch ganz einfach als simplen Bodytext (mit Quellenangabe) ins CMS copy-pasten können. Auch zeigt das Beispiel, dass Content von einer einzigen Plattform meist noch keine wirklich spannende Story ergibt. (Eine Story ist mehr als eine Liste!) Eine der ganz großen Annehmlichkeiten von storify besteht ja genau darin, die Vorzüge verschiedener Plattformen mit ihren jeweils unterschiedlichen Erzählformen zu vereinen. In der Kurzform von Tweets erzählen wir anders als in Facebook-Postings (emotionaler etc.), Fotos erzählen anders als Videos etc. Bringt man verschiedene Erzählelemente in eine zusammenhängende narrative Struktur, so ergibt sich am Ende oft eine spannende Geschichte. (Auch gute Literatur zeichnet sich durch erzählerische Vielschichtigkeit aus!)
(Wie sich unterschiedliche Medialitäten im besten Fall ergänzen können, habe ich vor zwei Jahren in einem Blogpost über ein fantastisches Multimedia-Special des Guardian zum den Welt-Aids-Tag zu analysieren versucht.)
Gänzlich misslungen finde ich diesen Versuch storify einzusetzen. Erst zum Posten und Twittern aufrufen und dann darüber storify-en und so tun, als liege hier Gatewatching vor, neeeeeeee… Der Reiz kuratierter Geschichten besteht darin, dass ihre Inhalte die Insignien der Unmittelbarkeit und Spontaneität haben.
Eine gute Möglichkeit hat der Guardian gefunden (wieder einmal…), als er mit Hilfe von storifyUser in ein Interview mit Vladimir Putin eingebunden hat.
Fazit: Man muss wohl noch Geduld haben, bis der Journalismus Routine im Umgang mit Geschichtenkuratierung erworben hat.
Der Triumph von storify bei den OccupyWallstreet-Protesten in NYC
Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Gatewatching & Kuratieren plötzlich an die Stelle klassischer journalistischer Berichterstattung treten. Gezwungenermaßen treten. Ein Beispiel hierfür sind die #OccupyWallstreet-Proteste des vergangenen November in New York. In einer Situation, in der Journalisten verhaftet und/oder in der Ausübung ihrer Tätigkeit massiv behindert wurden, hat storify sein volles Potenzial der Welt vorführen können. Storify-er haben die die Tweets, Postings, Fotos, Handyvideos etc. von Menschen, die unabhängig voneinander vor Ort über Einschränkungen der Pressefreiheit berichtet haben, aufgegriffen und zu kompakten Geschichten kuratiert. Sodass rund um die Protestbewegung eine nicht unwesentliche Nebenerzählung entstand und öffentlich debattiert wurde: “Wie ist es eigentlich um die Pressefreieheit bestellt?“ Ohne Gatwatching- und Kuratierungstool wäre dieser Aspekt wohl kaum so verdichtet ins Bewusstsein vieler Menschen getreten. Und auch in den klassischen Medien hätte diese Facette nur schwer aus einer globalen Perspektive und mit entsprechenden Belegen vermittelt werden können. So hat z.B. auch die Washington Post eine storify-Geschichte zum Thema auf ihre Website gesetzt. Eindrucksvoller kann die Bedeutung von Gatewatching & Kuratieren als Ergänzung und bisweilen sogar Alternative zum klassischen Journalismus wohl kaum dokumentiert werden! (Auch die – storify-Geschichte des Jahres befasste sich mit demselben Thema.)
(Wer mehr über die spezielle Occupy-Thematik im Zshg. mit storify erfahren will, dem sei die Lektüre dieses readwriteweb-Artikels und dieses Mashable-Beitrags empfohlen, auf den ich durch den bereits oben erwähnten netzwertig-Artikel aufmerksam wurde.)
Gegenwärtig etwa sind die Proteste in Russland rund um Vorwürfe des Wahlbetrugs bei der jüngsten Präsidentenwahl, ein spannendes Thema bei storify, das näher zu verfolgen sich lohnt. Auch wenn man des Russischen nicht mächtig ist und mit den englischsprachigen Ausgaben Vorlieb nehmen muss.
3 medienleiter-Tipps für gutes Storifying
Zu guter Letzt noch drei medienleiter-Tipp, wie man seine storify-Geschichten verbessern kann:
1.)Storytelling-Kompetenz sichtbar machen:
Bei storify geht es um Kuratieren, nicht einfach nur Aggregieren. Auf diesem Grat scheitern viele Storys. Denn Kuratieren bedeutet immer auch Ordnen und Plotten von Content. Das heißt, es ist v.a. auch Storytelling Kompetenz gefragt. Und diese soll man auch erkennen! Am besten überlegt man sich als Kurator schon im Vorfeld, wie man seine Geschichte erzählen will und verpasst ihr eine dementsprechende Erzählstruktur. Anders gesagt: Eine Dramaturgie und eine ordnende Hand des kuratierenden Erzählers sollte erkennbar sein! Ich emphasiere: Kuratieren beinhaltet bereits wesentliche Funktionen des Erzählens, wie Ein- und Ausschluss von Information und Inhalten. Die Hoffnung, dass sich ein roter Faden durch wild aufeinandergestapelten Socialmedia-Brocken schon von ganz allein ergibt, ist ein Irrglaube!
Um kuratierte Inhalte als Erzählung zu vermitteln, empfiehlt es sich auch, die Textfunktion zu nutzen: für Überleitungen, Kommentare etc. Je sichtbarer die Existenz der kuratierenden ERZÄHLinstanz ist, desto eher kann man Leser mit seiner Geschichte ansprechen. (Übertreiben soll man es aber auch nicht!)
2.) Exemplarisch erzählen:
Geschichten sollen nicht ausufern & Redundanzen vermeiden! Auch wenn es zu einem Aspekt zwanzig ähnlich lautende Tweets gibt, es reicht meist, einen Aspekt einmal zu highlight-en. Die verlinkten Post-zitate werden, so meine Erfahrung, durchaus als exemplarische Bausteine, die einem fortlaufenden Socialmedia-Stream entnommen sind, wahrgenommen.
3.) Verantwortungsbewusst Storify-en:
Weil das nicht genug betont werden kann: Rechtliche Aspekte bedenken und verantwortungsbewusst mit dem zitierten Content umgehen! Ich muss mir dessen bewusst sein, dass viele Socialmedia-Inhalte ursprünglich für private Kommunikation gedacht sind – auch wenn sie öffentlich geshared werden. Das heißt, der Kontext einer Äußerung und der Kontext meiner storify-Geschichte sind in der Regel verschieden. Und auch Kommunikationssituation. Ein Beispiel: Ich würde manches was ich an @Freunde twittere, so nicht äußern, wenn ich ein Interview für die breitere Öffentlichkeit geben würde.
Meine Erfahrung ist, dass sich die meisten Leute freuen (oft mit Erstaunen), wenn sie in storify-Geschichten zitiert werden. Doch darf ich die Verpflichtung, verantwortungsbewusst mit Socialmedia-Content umzugehen, niemals niemals niemals vernachlässigen!
Für weitere Tipps stehe ich auf Anfrage gerne zur Verfügung!
Bild: Dieter Schütz / pixelio.de


