Wie man storify für spannenden Gatewatching-Journalismus nutzt. Erfahrungen und Tipps.

Am Donnerstag, 08.03.2012, wird in der Sendung Digital.Leben bei Ö1 ein Beitrag über storify gesendet, zu dem ich ein paar O-Töne beisteuern durfte. Storify, Storify, Storify? Richtig, das ist das Socialmedia-Kuratierungstool, über das bei medienleiter im vergangenen Jahr ein paar Mal berichtet wurde. Es bietet dem Journalismus (aber natürlich auch anderen) faszinierende Möglichkeiten, Erzählformate auf der Basis von Gatewatching zu entwickeln. Seitdem ist viel und wenig passiert.

[[BACKGROUND:

Für alle, die storify (noch) gar nicht kennen, ein paar Aspekte, die das Tool reizvoll machen:

- Such- und Importfunktion für Twitter, Facebook, Youtube, flickr, Instagram & Google Search, URL-Embeding

- einfach und schnell zu bedienen mit Drag & Drop Funktion

- man kann den ausgewählten Content so anordnen, wie man möchte
- Text- und Kommentarfunktion, was
storify nicht zuletzt auch als Bloggingtool interessant macht

- man kann storify-Geschichten in Websites und Blogs embedden]]

Erst cool und dann…?

Nach einer kurzen Hypephase im Frühjahr 2011 ist storify hierzulandeim öffentlichen Socialmedia-Bewusstsein erstmal wieder abgetaucht. Das ist aber ganz normal: einerseits weil die ‘Hypewertszeit’ neuer Entwicklungen extrem knapp bemessen ist (siehe Google+), andererseits weil nach der Hype-Phase des spielerischen Experimentierens, jene User, die dabei bleiben, Zeit benötigen, um dem Neuen auch einen tatsächlich praktischen Nutzen für professionelle Zwecke etc. abzuringen. (So können erst gehypte und dann geschasste Entwicklungen am Ende doch überleben – vorausgesetzt, sie taugen etwas.)

storify wofür?

+ storify ist v.a. dort sehr praktikabel, wo eine Gatewatching-Funktion gefragt ist, wo es darum geht, Content, den Netzuser auf verschiedenen Plattformen sharen, zu kuratieren und in einem kompakten Erzählformat zu Geschichten mit einem Anfang und einem Ende zu verweben.

+ Außerdem bietet das Programm die Möglichkeit, die Verläufe und Wendepunkte von Socialmedia-Debatten und -Diskursen übersichtlich abzubilden. Bei 5000 Tweets zu einem #Themen-Hashtag, 1000 Facebook-Postings, Fotos, die über verschiedene Plattformen verstreut im Netz zirkulieren, verliert man klarerweise sehr rasch den Überblick. storify-Kuratierung kann z.B. helfen, markante Verläufe und Themenstränge – anhand ausgewählter Fallbeispiele – darzustellen. In einem kompakten Format lassen sich Entwicklungen auch visuell gut abbilden.

+ Durch die Möglichkeit Videos, Fotos, verschiedene Textgattungen auf der Basis eines erzählerischen Konzeptes zu verknüpfen, bietet storify auch gute Möglichkeiten für echtes Multimedia-Storytelling.

Wofür nicht?

- Schwächen weist storify auf, wenn man z.B. Live-Blogging zu Themen mit sehr hoher Socialmedia-Frequenz machen möchte. Dann ist das Programm mit dem Hineinladen des Content recht rasch überfordert und Echtzeit-Kuratierung ist nicht mehr sinnvoll möglich. Diese Erfahrung machte ich, als ich anlässlich des Meistertitels von Borussia Dortmund in der letzten Bundesligarunde der vergangenen Fußballsaison live storify-en wollte. Mit Tweets aus der Emotion heraus, mit Youtube-Videos von Fans etc. No way… Auch ein Versuch vergangene Woche ist nicht wirklich zufriedenstellend verlaufen.

- Bei den Möglichkeiten für kollaboratives Kuratieren kann storify noch deutlich zulegen.

(Gute Anregungen für weitergehende Beschäftigung bietet dieser netzwertig-Artikel.)

 Fallbeispiel Kulturjournalismus

Für den Kulturjournalismus kann storify bedeuten, dass “on the ground”-Experiences von Konzert- oder MuseumsbesucherInnen, die via Twitter, Facebook etc. in die (Semi)Öffentlichkeit entlassen werden, in einem kompakten Format zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft werden. (Ich selbst habe dies anlässlich eines Museumsbesuchs in Berlinsowie am ersten Tag des letztjährigen Wiener popfests mal getestet.) Auch wenn man mit derlei Zuschreibungen immer vorsichtig sein sollte, so lassen sich mit Gatewatching & Kuratierung auf authentischere Weise (als im klassischen Kulturjournalismus) Stimmungen einfangen. Ich würde meinen, dass sich hier eine gute Ergänzung zum traditionellen Kulturjournalismus (mit seinem Modell des privilegierten Kritikersubjekts) abzeichnet – ohne dass letzterer dadurch obsolet würde. Die Perspektiven von Audiences zu kompakten Erzählungen zusammenzufügen, kann eine sehr spannende Aufgabe sein, wie ich festgestellt habe, und auch professionellen Kritikern eine nützliche Grundlage bieten. (In dieser Geschichte habe ich mich einlässlicher damit befasst.)

State of the Art im Journalismus

Wenn man sich ansieht, wie Medien storify in ihrer Berichterstattung nutzen, dann stellt man fest, dass es im deutschsprachigen Raum nur wenige sind, die dies überhaupt versuchen. Das mag auch damit zu tun haben, dass Socialmedia-Kuratierung in einer rechtlichen Grauzone angesiedelt ist (Urheberrecht, Zitatrecht, was bedeutet Kuratieren, wo beginnt das bloße Aggregieren? Etc.). Viele lassen deshalb wohl lieber ganz die Finger davon. Bei jenen Medien, die storify im Rahmen ihrer Berichterstattung (meist über Randthemen) einsetzen, stellt man fest, dass der Gatewatching-Aspekt durchaus ernst genommen wird, dass es aber beim Storytelling noch viel Luft nach oben gibt. Als Beispiel für den Befund kann etwa die storify-Geschichte der Frankfurter Rundschau mit dem Titel Stars twittern über die Oscar-Nacht herangezogen werden.‎ Die Idee, die Nacht der Nächte aus Sicht der Protagonisten zu erzählen, ist durchaus originell, allerdings hätte eine thematisch ausgerichtete Erzählstruktur eine deutlich spannendere Geschichte ergeben. So wie es gemacht wurde, hätte man die Tweets auch ganz einfach als simplen Bodytext (mit Quellenangabe) ins CMS copy-pasten können. Auch zeigt das Beispiel, dass Content von einer einzigen Plattform meist noch keine wirklich spannende Story ergibt. (Eine Story ist mehr als eine Liste!) Eine der ganz großen Annehmlichkeiten von storify besteht ja genau darin, die Vorzüge verschiedener Plattformen mit ihren jeweils unterschiedlichen Erzählformen zu vereinen. In der Kurzform von Tweets erzählen wir anders als in Facebook-Postings (emotionaler etc.), Fotos erzählen anders als Videos etc. Bringt man verschiedene Erzählelemente in eine zusammenhängende narrative Struktur, so ergibt sich am Ende oft eine spannende Geschichte. (Auch gute Literatur zeichnet sich durch erzählerische Vielschichtigkeit aus!)

(Wie sich unterschiedliche Medialitäten im besten Fall ergänzen können, habe ich vor zwei Jahren in einem Blogpost über ein fantastisches Multimedia-Special des Guardian zum den Welt-Aids-Tag zu analysieren versucht.)

Gänzlich misslungen finde ich diesen Versuch storify einzusetzen. Erst zum Posten und Twittern aufrufen und dann darüber storify-en und so tun, als liege hier Gatewatching vor, neeeeeeee… Der Reiz kuratierter Geschichten besteht darin, dass ihre Inhalte die Insignien der Unmittelbarkeit und Spontaneität haben.

Eine gute Möglichkeit hat der Guardian gefunden (wieder einmal…), als er mit Hilfe von storifyUser in ein Interview mit Vladimir Putin eingebunden hat.

Fazit: Man muss wohl noch Geduld haben, bis der Journalismus Routine im Umgang mit Geschichtenkuratierung erworben hat.

Der Triumph von storify bei den OccupyWallstreet-Protesten in NYC

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Gatewatching & Kuratieren plötzlich an die Stelle klassischer journalistischer Berichterstattung treten. Gezwungenermaßen treten. Ein Beispiel hierfür sind die #OccupyWallstreet-Proteste des vergangenen November in New York. In einer Situation, in der Journalisten verhaftet und/oder in der Ausübung ihrer Tätigkeit massiv behindert wurden, hat storify sein volles Potenzial der Welt vorführen können. Storify-er haben die die Tweets, Postings, Fotos, Handyvideos etc. von Menschen, die unabhängig voneinander vor Ort über Einschränkungen der Pressefreiheit berichtet haben, aufgegriffen und zu kompakten Geschichten kuratiert. Sodass rund um die Protestbewegung eine nicht unwesentliche Nebenerzählung entstand und öffentlich debattiert wurde: “Wie ist es eigentlich um die Pressefreieheit bestellt?“ Ohne Gatwatching- und Kuratierungstool wäre dieser Aspekt wohl kaum so verdichtet ins Bewusstsein vieler Menschen getreten. Und auch in den klassischen Medien hätte diese Facette nur schwer aus einer globalen Perspektive und mit entsprechenden Belegen vermittelt werden können. So hat z.B. auch die Washington Post eine storify-Geschichte zum Thema auf ihre Website gesetzt. Eindrucksvoller kann die Bedeutung von Gatewatching & Kuratieren als Ergänzung und bisweilen sogar Alternative zum klassischen Journalismus wohl kaum dokumentiert werden! (Auch die – storify-Geschichte des Jahres befasste sich mit demselben Thema.)

(Wer mehr über die spezielle Occupy-Thematik im Zshg. mit storify erfahren will, dem sei die Lektüre dieses readwriteweb-Artikels und dieses Mashable-Beitrags empfohlen, auf den ich durch den bereits oben erwähnten netzwertig-Artikel aufmerksam wurde.)

Gegenwärtig etwa sind die Proteste in Russland rund um Vorwürfe des Wahlbetrugs bei der jüngsten Präsidentenwahl, ein spannendes Thema bei storify, das näher zu verfolgen sich lohnt. Auch wenn man des Russischen nicht mächtig ist und mit den englischsprachigen Ausgaben Vorlieb nehmen muss.

3 medienleiter-Tipps für gutes Storifying

Zu guter Letzt noch drei medienleiter-Tipp, wie man seine storify-Geschichten verbessern kann:

1.)Storytelling-Kompetenz sichtbar machen:

Bei storify geht es um Kuratieren, nicht einfach nur Aggregieren. Auf diesem Grat scheitern viele Storys. Denn Kuratieren bedeutet immer auch Ordnen und Plotten von Content. Das heißt, es ist v.a. auch Storytelling Kompetenz gefragt. Und diese soll man auch erkennen! Am besten überlegt man sich als Kurator schon im Vorfeld, wie man seine Geschichte erzählen will und verpasst ihr eine dementsprechende Erzählstruktur. Anders gesagt: Eine Dramaturgie und eine ordnende Hand des kuratierenden Erzählers sollte erkennbar sein! Ich emphasiere: Kuratieren beinhaltet bereits wesentliche Funktionen des Erzählens, wie Ein- und Ausschluss von Information und Inhalten. Die Hoffnung, dass sich ein roter Faden durch wild aufeinandergestapelten Socialmedia-Brocken schon von ganz allein ergibt, ist ein Irrglaube!

Um kuratierte Inhalte als Erzählung zu vermitteln, empfiehlt es sich auch, die Textfunktion zu nutzen: für Überleitungen, Kommentare etc. Je sichtbarer die Existenz der kuratierenden ERZÄHLinstanz ist, desto eher kann man Leser mit seiner Geschichte ansprechen. (Übertreiben soll man es aber auch nicht!)

2.) Exemplarisch erzählen:

Geschichten sollen nicht ausufern & Redundanzen vermeiden! Auch wenn es zu einem Aspekt zwanzig ähnlich lautende Tweets gibt, es reicht meist, einen Aspekt einmal zu highlight-en. Die verlinkten Post-zitate werden, so meine Erfahrung, durchaus als exemplarische Bausteine, die einem fortlaufenden Socialmedia-Stream entnommen sind, wahrgenommen.

3.) Verantwortungsbewusst Storify-en:

Weil das nicht genug betont werden kann: Rechtliche Aspekte bedenken und verantwortungsbewusst mit dem zitierten Content umgehen! Ich muss mir dessen bewusst sein, dass viele Socialmedia-Inhalte ursprünglich für private Kommunikation gedacht sind – auch wenn sie öffentlich geshared werden. Das heißt, der Kontext einer Äußerung und der Kontext meiner storify-Geschichte sind in der Regel verschieden. Und auch Kommunikationssituation. Ein Beispiel: Ich würde manches was ich an @Freunde twittere, so nicht äußern, wenn ich ein Interview für die breitere Öffentlichkeit geben würde.

Meine Erfahrung ist, dass sich die meisten Leute freuen (oft mit Erstaunen), wenn sie in storify-Geschichten zitiert werden. Doch darf ich die Verpflichtung, verantwortungsbewusst mit Socialmedia-Content umzugehen, niemals niemals niemals vernachlässigen!

Für weitere Tipps stehe ich auf Anfrage gerne zur Verfügung!

Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de

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Apokalypse vorgestern – Warum das Leistungsschutzrecht für die deutschen Medienverlage Gift ist

Schluss mit lustig! Tabula rasa! Wird den “Netzkommunisten” (Springer-Boss Mathias Döpfner), “Content-Kleptomanen” & “Vampiren” (Rupert Murdoch, ja ausgerechnet er, hat diese Begriffe verwendet…) jetzt das liebste Spielzeug – aggregierte Nachrichten aus großwürdigen Medienhäusern – weggenommen? Nein, mitnichten! Die Aggregatoren, allen voran Google mit dem Dienst Google News, die sollen künftig dafür zahlen, dass sie den deutschen Medienverlagen weiterhin Online-Zugriffe bescheren dürfen. “Leistungsschutzrecht” nennt sich die Maßnahme, nach der die Verleger, allen voran im Hause Axel Springer, seit langem lechzen wie Süchtige auf Entzug nach Kokain. (Stefan Niggemeier hat die Sache in einem Blogpost sehr gut beleuchtet.)

Wer die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkennt, für den ist bald alles vorbei - egal ob es sich um Print- oder Online-Produkte handelt!

 Stetiges Wachstum, solide Finanzen, starker Zusammenhalt – Ergebnisse des Koalitionsausschusses am 4. März 2012 – (abrufbar unter: http://docs.dpaq.de/353-koalitionsrundenergebnisse.pdf) ist das Paper betitelt, in dem das alles drinnen steht. Es klingt wie beißende Ironie, wenn man den Zustand der Medienbranche in den letzten Jahren sich vergegenwärtigt. Wachstum, hä?? Und Grund für Optimismus besteht auch in Zukunft nicht wirklich, wie Christian Jakubetz in seinem Blogpost Eine Frage des Systems ausführt. Die anfängliche Euphorie, in eine digitale Zukunft zu schreiten, in der man neben dem Papiergeschäft auch noch Profite im Netz erwirtschaftet und ohne viel Zutun plötzlich einen doppelten ROI hat, sie haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Negative Auswirkungen sind an allen Ecken und Enden zu spüren: das Zeitungssterben in den USA, Prekariatszustände unter den freien Journalisten, PR-Jopurnalismus, der von den Anzeigenabteilungen diktiert wird etc. etc., jetzt auch der fortschreitende Zusammenbruch des Anzeigenmarktes (nachzulesen bei Jakubetz) bei den Printprodukten, die viele Online-Abteilungen zur Querfinanzierung benötigen.

 The times they are a changin’

 Die goldenen Zeiten der Medienbranche mit ihren Verlegerherrlichkeiten, sie sind längst Vergangenheit. Und sie werden auch nicht mehr wiederkommen. So gut kann man gar nicht Internet können. Viele Bereiche, auf die kommerzielle Medienhierarchien früher mal ein Quasi-Monopol hatten, haben sich im Online-Zeitalter auf mehrere gesellschaftliche Kommunikationssysteme verteilt. Um zu wissen, wie das Wetter wird, brauche ich keine (Online-)Zeitung, um zu wissen, wo Ex-Minister Guttenberg weiland abgeschrieben hat, brauche ich keinen Journalisten, der mir das in einem Kaufprodukt erzählt. “Schwarmintelligenz“ & andere Formen der Netzkommunikation haben den Dualismus (Produzent – Konsument) in vielen Punkten aufgeweicht oder gar aufgelöst.

 Das Internet als Betriebssystem der Gesellschaft

 Wenn man aber begreift, wie das Internet aktuell genutzt wird und wie es unsere gesamte Kultur verändert, kann man auch als klassisches Medienunternehmen in und mit dem Netz gut leben. (Der Mathematiker, Philosoph und IBM-Visionär Gunter Dueck spricht treffenderweise vom Internet als Betriebssystem der Gesellschaft. Das sollte man bei der Entwicklung seiner Angebote stets im Hinterkopf behalten.) Der Guardian zeigt vor, wie man die Sache angehen kann: er ist innovativ (durch Data Driven Journalism etc.), interaktiv (z.B. Crowdsourcing-Aufdeckung des britischen Spesenskandals etc.) und vieles mehr – und hat dabei doch keinen Deut an journalistischer Qualität preisgegeben. Bei deutschen Onlinemedienauftreten hat man hingegen bisweilen öfter mal das Gefühl, dass neue Features eher auf behübschende Marketingeffekte (wir sind modern, Leute!) denn auf journalistische Unterstützung abzielen. Und sowas geht meist rasch daneben, seit etwa Socialmedia-Plattformen sich als Korrektive traditioneller Mediensysteme etabliert haben – mit viralen Shitstorm-Folgen, wenn es mal blöd läuft. Und es kann ganz übel laufen, wenn man meint, im Netzjournalismus sei Qualität nicht soooooo wichtig (Hauptsache, kurz und kurz und knackig formulieren!), weil Bildschirmlesen eh nicht so konzentriert geht. Eine Ansicht, die immer noch in diversen Lehrbüchern für Online-Journalismus zu finden ist…

Verlage sind Passagiere, nicht Schrittmacher

Was die Sache noch weiter verdüstert, ist der Umstand, dass die Verlage in Deutschland und anderswo zu großen Teilen nicht begriffen haben, dass sie nicht die Schrittmacher des Netzes sind, als die sich bisweilen wähnen. Klassische Informationssysteme sind – wie alle, die online kommunizieren – Passagiere eines Umbruchs mit vielen Paradigmenwechseln. Der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, spricht von einem veränderten Informationsökosystem, in dem Offenheit und kollaborative Strukturen mehr zählen als klassische Marken. Gerade in Zeiten des Umbruchs kommen auch darwinistische Regeln zum Tragen, die sehr verkürzt gesprochen, darauf hinauslaufen, dass ich MIT den Bedingungen wachse und überlebe und nicht gegen sie. Genau so ein anti-evolutionärer Ansatz wird von vielen (immer noch in traditionellen Print-Kategorien denkenden) Medienmanagern aber gerne an den Tag gelegt. Paradoxerweise wird dabei meist das gerade ganz Neue (z.B. das iPad) als Vehikel zur Rettung des eigenen veralteten Geschäftsmodells angepriesen. So als ob in der digitalen Hinterleuchtung durch das Sonnensystem Apple alles, was auf Erden zuvor als ausrangiert galt, auf einen Schlag wieder stimmig anmutet. Oft sind solche Ansagen mit wenig ratio, dafür aber umso mehr Pathos bestückt, der auch schon mal ins Religiöse reichen kann. Ich erinnere nur daran, was Springer-Boss Matthias Döpfner sagte, als das iPad in seiner ersten Version das Licht der Welt erblickte: ”Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, um zu beten und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet” (Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Springer-Chef-Beten-und-Steve-Jobs-danken-973673.html). Was gab es in der Folge anzubeten? In sich geschlossene Zeitungsausgaben im klassischen Holzmedienformat, die auf das coole Tablet geklatscht wurden. Daraus konnte man v.a. eines lernen: Das iPad als hippe Technologie sollte als Zeitmaschine fungieren, mit der sich die Unternehmen wieder zurück in die bequeme Verlegerwelt der 1950er Jahre beamen konnten. Wo kein Zwang zur Veränderung und v.a. zum Umdenken besteht. Bezeichnen wir diesen Glauben an die Möglichkeit zur Veränderungsresistenz mal als das PRINZIP HOFFNUNG (aus Sicht der Verlage). (Ernst Bloch möge mir verzeihen, so ein Vergleichsobjekt für die Metapher gewählt zu haben…)

Innovation: So nah und doch so fern…

Wie kaum eine andere Branche tun sich Medienverlage aber schwer mit strukturellen Umdenkprozessen. Jakubetz hält dazu fest:

Die größte Gefahr für Medienunternehmen ist nicht, dass sie neue (steht das jetzt wirklich da: neue? ) Medien nicht begreifen. Ihr Problem ist häufig eher systemimmanent: Sie sind etabliert, gefestigt — und gleichzeitig starr und inflexibel. Das ist schwierig in Zeiten, in denen sich gerade ungefähr alles verändert, was man sich nur denken kann.

Neuerungen am Technologiemarkt werden, sobald sie als relevant für das eigene Tun erkannt werden, reflexartig in die alten Geschäfts- und Organisationsmodelle eingepresst und nicht etwa dahingehend hinterfragt, inwieweit sie genau diese eigentlich zu Veränderung und Modifikation nötigen. Gefragt wären neben neueren Erlösmodellen v.a. auch Redaktionsstrukturen, die an das neue Informationsökosystem angepasst sind und so auch professionelles Gatewatching, kollaboratives Themenmanagement und Ansätze im New Storytelling etc. ermöglichen. (Die Pausen bei Branchenkongressen sind übrigens ein guter Indikator. Da kann in den Panels vor- und nachher noch so viel von Umdenkprozessen, crossmedialer Konvergenz etc. die Rede sein, wenn man dann unter sich ist – so von Holzmedienkopf zu Holzmedienkopf -, hört sich alles wie eh und eh an. Ich habe solche Gespräche oft genug nolens volens belauscht… Man kann dabei nur verzweifeln…)

Gatekeeping war früher!

Nun sind Verleger aber natürlich trotz allem keine Idioten. Nur glauben sie unsinnigerweise, dass ohne “ihren“ Content, der zu guten Teilen ja auch über das Netz von anderen Medien recherchiert ist (v.a. im Bereich der Außenpolitikberichterstattung) die “Netzkommunisten“-Socialmedia-Kommunikation nicht funktionieren würde. Und daraus leiten sie ihren Anspruch auf Nutzer-Entgelte ab. Werch ein Illtum, um Ernst Jandl zu zitieren. Was aber ist mit Whistleblowing-Enthüllungen via Wikileaks oder ‘Schwarmintelligenz’-Enthüllungen bei GuttenPlag, oder mit via storifykuratierten Socialmedia-Geschichten rund um die Verhaftung und Behinderung von Journalisten bei den Occypywallstreet-Protesten im November 2011 in New York? Das sind für klassische Medien alles super Geschichten, nur an ihrem Zustandekommen waren eben diese Medien nicht beteiligt. Sie haben meist nicht einmal einen Gatewatching, geschweige denn einen Gatekeeping-Beitrag, geleistet. Wer hier von wem mehr profitiert, bleibe einmal dahingestellt.

Fatale Ignoranz

Spätestens ab dem Jahr 2006, als der Begriff ‘Web 2.0′ aufkam, wurde die ignorante Haltung vieler Medienmanager gegenüber der Dynamik des Netzes zur existenziellen Bedrohung für die gesamte Branche. Man erkannte nicht oder erst viel zu spät, dass mit dem eigenen Teilbereich ein Kulturwandel insgesamt im Laufen war. Die Netznutzungskultur hat sich in den vergangenen sechs Jahren massiv geändert und mit ihr die kulturellen Voraussetzungen von Kommunikation, so wie dies im Laufe von Jahrhunderten immer wieder mal geschieht. Ein Beispiel: Die plattformübergreifende kollaborative Netzkultur, die Guttenberg zu Fall gebracht hat, kann sich nicht entfalten, ohne dass sich mit ihr nicht auch das kulturelle System, auf dem sie fußt, mitbewegt. Das aktuelle Transparenzbedürfnis in allen Bereichen unserer Gesellschaft ist durch das Internet und seine Möglichkeiten entscheidend mitgeprägt worden. Der Medienforscher Axel Bruns hat für die aktuelle Mediennutzung im Netz den Begriff der Produtzung geprägt, der sich sehr gut eignet als Chiffre für viele Transformationen im zeitgenössischen Informations- und Wissensmanagement.

Die zum Scheitern verurteilte Konterrevolution

Sämtliche Versuche, die alten Zustände in sich geschlossener Nachrichtenkanäle in dem geänderten ‘Informationsökosystem’ zu restaurieren, sind als gescheitert zu betrachten. Paywalls etwa haben sich nicht als taugliche Instrumentarien erwiesen. Neben dem PRINZIP HOFFNUNG (iPad, App-Verkäufe, Paywalls etc.) haben Verleger parallel immer auch auf das PRINZIP DAUMENSCHRAUBE über den Umweg des Gesetzgebers gesetzt. In Summe ein Eiertanz sondergleichen. Und damit sind wir beim Leistungsschutzrecht angelangt. Lange wurde es gefordert. (In Beyond Journalism, dem Vorgängerblog von medienleiter, habe ich mich 2009 bereits intensiv damit auseinander gesetzt. Die Argumente haben sich seitdem kaum verändert. Das Netz schon. Auch das spricht Bände.) Diverse Tiraden gegen “Gratismentalität“, “Netzkommunisten“, “Content-Kleptomanen“ habe ich zu Beginn dieses Textes zitiert. Viel haben sie nicht gebracht – außer Hohn und Spott für die Sager selbst. Die Idee “mal kräftig dazwischenhauen und dann wird klein beigegeben“ hat am Ende bei der Politik funktioniert, Google mit seinen Aggregatorendienst hat das hingegen bislang recht kalt gelassen.Das Netz hört eben auf nicht auf Tycoone einer Branche im Untergang… Ein Tweet aus dem Jahr 2009 bringt diesen Aspekt schön auf den Punkt: “Murdoch to Internet: ‘It’s War!’ – Internet to Murdoch: ‘Sorry, what was your name again?

Jammern, betteln und petzen – statt selbst Tatsachen zu schaffen!

Wenn Aggregationsdienste wirklich das Problem wäre, dann könnten die Verlage es ganz einfach beheben. Mit Hilfe der robot.txt-Datei kann man sich ganz schnell selbst de-indexieren. Und schon ist man bei Google News Geschichte. Nur wagen die meisten Verlage diesen Schritt nicht (auch nicht im gemeinsamen Verbund) – aus (berechtigter) Sorge, dass man dann viele Netzleser und damit einhergehend Einnahmen aus dem Online-Anzeigengeschäft verlieren würden. Man jammert lieber, bettelt um Verlinkungserlaubniserlöse und petzt bei Vater Staat. Salopp formuliert.

Apropos Anzeigengeschäft. Auch das kriselt, wie ich bereits erwähnt habe. Auch bei diesem Thema sind viele Wehklagen der Verleger zu vernehmen. Google habe sich das globale Geschäft mit der Online-Werbung gleichsam unter den Nagel gerissen, den Verlagen blieben nur Brösel, die großen Stücke vom Kuchen würden in Mountain View verspeist. Dennoch nutzen fast alle Onlinemedien Google Adsense & Co, auch wenn dabei nicht die Erlöse herausspringen, die man sich wünschen würde. Warum implementiert man die Systeme dann aber? Weil, so ist zu vernehmen, man förmlich dazu gezwungen sei (ohne natürlich tatsächlich gezwungen zu sein), da die Werbebranche die Google-Dienste gegenüber den verlagsimmanenten Ad-Systemen bevorzuge. Das Thema ist irrsinnig komplex, ich kann nicht einmal ansatzweise darauf eingehen, außer auf den Aspekt, der in diesem Text schon einige Male zum Vorschein gekommen ist: Die Medienbranche hatte es lange Zeit in der Hand, selbst Services anzubieten, die an die tatsächliche Netznutzungskultur angepasst sind. Man hat die Chance vertan. Auf Grund der Innovationsschwäche der Verlage war es für Google dann tatsächlich relativ einfach, im Online-Anzeigengeschäft eine Vormachtstellung zu erlangen. Ohne Google hier abfeiern zu wollen und Äpfel (Medienkonzerne) mit Birnen (Internetdienstleitungsunternehmen) zu vergleichen, sind Google’s Dienste (im Gegensatz zu jenen der Medienverlage) stets exaktest an die aktuelle Netznutzungskultur angepasst. Dieses Erfolgsrezept kann nicht zuletzt am Beispiel des von den Verlegern verteufelten Aggregationsdienstes Google News erkennen, der sich im Laufe der Zeit mehrfach verändert und immer näher an die User herangerückt ist. (Ein spannendes Thema!) Wie vielen Medienmanagern ist das aufgefallen? Und welche Schlüsse haben sie daraus gezogen? Eben.

FAZIT:

Auf die Frage, ob das Leistungsschutzrecht (in welcher Form immer es kommen mag) mehr oder weniger gravierende Auswirkungen auf die User und die Branche haben wird – die Meinungen dazu gehen auseinander – bin ich bewusst nicht näher eingegangen. (Spannend wird sein, wie Google auf all das reagieren wird…) Mich beunruhigt etwas anderes, viel Gefährlicheres: Wenn die Verlage glauben, durch Leistungsschutzrechte von außen dem Imperativ zur immanenten Weiterentwicklung und Anpassung an das aktuelle Informationsökosystem und die aktuelle Netznutzungskultur zu entkommen, wird die Abwärtsspirale in gar nicht so ferner Zukunft für viele Medienunternehmen letal enden. Auch in Deutschland und Österreich. Machen wir uns nichts vor. Die Branche ist schwer krank. Bei der Genugtuung über das Leistungsschutzrecht und dem Lechzen nach Acta erinnert sie mitunter an Menschen mit Herzrhythmusproblemen, die glauben, sich mit Kokain (hier: Leistungsschutzrecht), Speed (hier etwa: ACTA) und Amphetaminen (hier: Tendenzen der PR-isierung des Journalismus in der Hoffnung, den Usern fällt das nicht auf) fit halten zu können. Statt auf eine Operation mit echten Genesungsaussichten zu setzen. Zeit hat man für eine solche hat man so oder so nicht nicht viel, wie auch Jakubetz schreibt:

Es müsste jetzt schnell gehen mit den Veränderungen, sehr schnell. Man bräuchte dazu Zeit, die man schon nicht mehr hat.

Wählt man die andere Variante, geht es noch schneller. In die andere Richtung.

Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

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6 Tipps wie NGO’s Data Driven Journalism für sich nutzen können

Data Driven Journalism (DDJ) eröffnet für den Journalismus neue Perspektiven. Aber auch für jene, die diesen mit Daten füttern. Auch für NGO’s. 


An Datenjournalismus, oder besser gesagt: Data Driven Journalism (DDJ),** kommt man bei kaum einem Branchenkongress mehr vorbei. Und das ist auch gut so. DDJ ist nämlich mehr als nur ein Hype unter vielen inmitten der von Krisenstimmung geprägten digitalen Mediendiskurse. DDJ wird den narrativen Journalismus nicht ersetzen, seine Bedeutung liegt ganz woanders: DDJ ist der journalistische Nachvollzug vieler Aspekte, die unsere “Netznutzungskultur” in Zeiten des Web 2.0 ausmacht.
[**Ich bevorzuge die englische Bezeichnung Data DRIVEN Journalism gegenüber dem deutschen Wort ‘Datenjournalismus’ v.a. deshalb, weil Daten für sich allein noch kein Journalismus sind. Zum Journalismus werden Daten erst durch die Einbettung in ein (visuelles) Darstellungs- bzw. Erzählkonzept, welches die in den Facts & Figures verborgenen Zusammenhänge und Bedeutungen sichtbar macht. Dieser Prozess kann in der Praxis hoch komplex sein, er erfordert in jedem Fall immer beides: erzählerisches wie programmiertechnisches Know How.]

NUTZEN VON DDJ FÜR MEDIEN

Ich nenne nur ein paar der wichtigsten Aspekte (für alle jene, die mit DDJ noch so vertraut sind):

- DDJ hat gegenüber narrativem Journalismus Vorteile in Sachen AUFMERKSAMKEITSÖKONOMIE: Visualisierungen ermöglichen oftmals ein rasches Erfassen von Sinnzusammenhängen.
- Damit einher geht KOMPLEXITÄTSREDUKTION: Wo Zusammenhänge komplex sind, ist es oft auch die sie erklärende Sprache. (Das ist in diesem Blog nicht anders…) Visuell ansetzende Infografiken sind für unsere Gehirnwindungen meist schonender und sparen die kostbare Konzentrationsenergie für jene Kontexte, die wirklich heavy sind.
- PERSONALISIERUNG  VON INFORMATIONist das Zauberwort unserer Online-Tage. Ob (unerwünschte) personalisierte Werbung, auf Geotagging basierende Apps etc. Wir holen das Netz immer dichter an unsere Lebenswirklichkeit heran. Im Servicebereich, z.B. wenn wir in einer fremden Stadt von unserem Smartphone wissen wollen, wo das nächste empfehlenswerte Sushi-Restaurant zu finden ist, aber auch in der Nachrichtenwelt: Bei Themen wie Feinstaubbelastung wollen wir nicht nur mit einem globalen Mittelwert abgespeist werden, sondern v.a. wissen, wie es in unserer eigenen Umgebung diesbezüglich aussieht. Im klassischen, “für alle” produzierten Textjournalismus werden die Einzeldaten zu Gesamtdaten verwurstet und allenfalls noch einzelne Fallbeispiele herausgepickt. Der Rattenschwanz der Information (=LONG TAIL OF NEWS), in dem die für die Individuen relevante lokale bzw. sublokale Information steckt, geht in der Gesamtsumme aller Daten und bleibt so opak . Auf dem Prinzip der INTERAKTIVITÄTbasierende Datengrafiken hingegen machen es möglich, dass jeder User für sich genau die Information herausholt, die für ihn/sie aus bestimmten Gründen relevant ist.

WEB-TIPP:Als Mutter des zeitgenössischen Datenjournalismus gilt das Portal everyblock.com, wo in mehreren US-Städten Information aus verschiedenen Themenbereichen bis auf die Häuserblockebene heruntergebrochen werden kann.

NUTZEN VON DDJ FÜR NGO’s

Die Vorteile von DDJ für den Journalismus liegen auf der Hand. Aber auch jene, die ihn mit Daten füttern, können von der Entwicklung profitieren. In diesem Sinne ist auch die OpenData-Bewegung nicht nur als Schritt in Richtung mehr Transparenz gegenüber den Bürgern zu verstehen: sie birgt auch (volks)wirtschaftliche Potenziale. In Österreich ist der diesbezügliche Bewusstseinsbildungsprozess noch im Anfangsstadium, wie bei einer Veranstaltung der APA-E-Business-Communityvor einigen Wochen deutlich wurde. Da es mir hier aber primär um journalistische Projekte geht, gehe ich nicht weiter darauf ein.

Um die Herausforderungen und spezifischen Fragestellungen rund um DDJ auch in der Praxis besser verstehen zu können, habe ich mit datenleiter selbst ein kleines Projekt in diese Richtung gestartet. Ein paar Erfahrungswerte fließen daher auch in die folgenden Überlegungen ein. Vorneweg soviel: Es hat sich meine Vermutung bestätigt, dass DDJ auch für NGO’s interessante Perspektiven bietet – die bislang freilich kaum genutzt werden.

1.) DATEN SIND GEFRAGT NIE ZUVOR:
DDJ setzt – nona – entsprechende Daten voraus, damit (interaktive) Infografiken überhaupt erstellt werden können. Viele Bereiche des Journalismus, wo DDJ durchaus Sinn machen würde, sind unterversorgt. Die Themenwahl richtet sich sehr oft nach dem Angebot an verfügbaren Daten bzw. scheitert an diesem.

Manches Mal, wenn kommunale OpenData-Dienste nicht weiterhelfen, verfügen NGO’s genau über jene Zahlen, die für die Öffentlichkeit interessante und journalistisch verwertbare Information beinhalten. Deren Nutzung kann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit für die damit verknüpften Anliegen der NGO zu sensibilisieren. (Damit meine ich natürlich nicht, dass falsche Daten bereitgestellt werden sollten – Credibility ist das höchste Gut in der Online-Welt!)

Anders als bei klassischen Pressemeldungen sind Medien, was DDJ-Futter betrifft, wie bereits geschrieben, unterversorgt. In keinen Bereich des Journalismus kann man aktuell leichter vordringen als in DDJ. Eine strategisch gut geplante Kombination von DDJ-Services mit klassischer Pressearbeit kann NGO’s in ihrer Öffentlichkeitsarbeit entscheidende Vorteile bringen. Wer Basisinfos liefert, wird meist auch um seine kommentierende Einschätzung derselben gebeten. (Der Begriff “DDJ-Service” beinhaltet auch, dass die Daten in entsprechender Form, nach Möglichkeit in mehreren Formaten, zur Verfügung gestellt werden. Eine gute Orientierungshilfe bietet in diesem Zusammenhang das Open Government Data-Portal der Stadt Wien.)

2.) ERGÄNZENDE DATEN:   
Zu vielen Themen gibt es offene Daten mit potenziell aber ebenso offenen Fragen. Ein Beispiel sind kommunale Daten zum Thema Migration. Die bereitgestellten Facts & Figures beinhalten meist alle Informationen, die für demographische Statistiken relevant sind. Als MedienkonsumentInnen wollen wir in der Regel jedoch mehr wissen: z.B. was die soziale Situation von MigrantInnen aus bestimmten Ländern betrifft etc.. NGO’s haben hier oftmals weiter reichendes Wissen, das sie auch mit Zahlen belegen können. So können auf Basis bestehender OpenData-Pakete Storys weitererzählt werden, indem ergänzende Daten aus den eigenen Beständen mit den Daten aus anderen Quellen gekoppelt werden. Ähnliches können NGO’s im Umweltbereich machen, wenn sie z.B. Zusatzdaten zu offenen Verkehrsstatistiken zugänglich machen, in denen Umweltschutzaspekte in den Vordergrund gerückt sind.

3.) KOMPLEMENTÄRE DATEN – KORREKTURMÖGLICHKEIT:
Das vielleicht abgelutschteste Zitat der Welt lautet: “Trau keinen Statistiken, die Du nicht selbst gefälscht hast!” In der Tat: Nicht immer sind die Quellen, aus denen DDJ gespeist wird, frei von Interessen. Das liegt in der Natur der Sache, bei NGO’s wie deren Gegnern. Institutionen oder Unternehmen, die Daten bereitstellen, verfolgen nicht selten eigene (Lobby-)Interessen. Man ahnt es schon, wenn Statistiken belegen wollen, dass furzende Kühe fürs Klima viel schädlicher sind als der globale Autoverkehr. Ein Schelm, wer denkt, dass Autolobbies als Auftraggeber hinter solchen Statistiken stecken könnten. Das Gemeine an der Sache: gerade solche absurden Datengrafiken setzen sich im Gedächtnis vieler Menschen fest. Dabei müssen die verwendeten Daten ja nicht einmal falsch sein. Es brauchen nur einzelne Parameter zu fehlen und schon kommt ein für alle offenkundig schräges, aber statistisch einwandfrei belegtes Ergebnis zustande. Der Grund, warum sich manche Datengrafiken im Gehirn so besonders gut einbrennen, liegt darin, dass sie visuell funktionieren und dabei emotiound ratiogekonnt verknüpfen:
Im erwähnten Beispiel mit den flatulierenden Rindern sieht das so aus:
- emotionale Bildebene: Kühe & Autos
- rationale Grafikebene: Emissionskurven
Gemeinsam ergeben beide Ebenen dann ein in sich schlüssiges Narrativ.

Man kann als NGO darauf reagieren, indem man korrigierend-ergänzende Daten bereitstellt und diese psychologisch (emotional & rational) gleich selbst visualisiert: etwa in Form einer an den Autoabgasen beinahe erstickenden Kuh & den entsprechenden Emissionskurvenverläufen.

4.) AKTUELLE DATEN:
Immer wieder fällt auf, dass Institutionen tollen Daten anbieten, die nur einen kleinen Schönheitsfehler haben: Sie sind nicht aktuell. Wenn ich in einer animierten Infografik darstellen will, wie als Folge des Klimawandels die Gletscher dahinschmelzen, will ich natürlich von der aktuellen Situation ausgehen können und nicht vom Stand August 2007. Bei datenleiterfallen viele potenziell hoch interessante Geschichten genau aus diesem Grund flach. Nachrecherchieren ist oft sehr mühsam und fällt dem Tagesgeschäft zum Opfer.
Nun ist es nicht so, dass diese Daten nicht exisiteren. Natürlich existieren sie, denn sie werden ja laufend erhoben. Zum Teil werden die kompletten Datensätze aber erst dann als OpenData angeboten, wenn sie schon zu weit im Rückspiegel liegen, um noch als aktuell gelten zu können. (Man braucht sich nur mal die Kataloge im Google Public Data Explorer anzusehen…) Die Verzögerungen ergeben sich, weil sie zunächst nur für den internen Gebrauch einer Behörde gedacht sind, oder weil es Premium-Kunden aus der Wirtschaft gibt, die für die exklusive Datennutzung (für eine gewisse Zeit) bezahlen etc. Als Ramschware im Winterschlussverkauf sind veraltete Daten für journalistische Berichterstattung aber meist nicht mehr interessant genug. Wer lässt sich schon gerne nachsagen, Information von vorgestern aufzuwärmen? NGO’s haben meist keinen Grund, aktuelle Wasserstandsmeldungen (so sie über diese in entsprechendem Umfang verfügen) zurückzuhalten. Gut aufbereitet können sie von Medien zu schönen Interactives verarbeitet werden, welche die Anliegen und Forderungen der NGO’s unterstützend begleiten. Im Prinzip läuft es immer auf diese doppelte Medienstrategie (DDJ-Service & begleitende klassische Pressearbeit) hinaus.

5.) SELBST VISUALISIEREN & VIRALES MARKETING:
Anhand des Beispiels der Rinderabgase habe ich es schon angedeutet: Nicht jedes Medium leistet sich eine eigene DDJ-Abteilung, die dann so aufwändige Infografiken zu produzieren imstande ist wie der Guardianoder die New York Times. Und auch professionelle DDJ-Redaktionen können/wollen nicht jedem Thema so viel Zeit einräumen wie eine auf ihre Anliegen spezialisierte NGO. Aus diesem Grund sind letztere – entsprechende Infrastruktur und Personal vorausgesetzt – gut beraten, wenn sie ihre Daten auch selbst visualisieren und kleineren Medien in Form fix fertiger Infografik-Pakete anbieten. (Entsprechende Software-Schulungen für die Mitarbeiter der Medienabteilung sind für diese Zwecke natürlich sehr zu empfehlen.) Für Regionalportale kann dieses Service einen echten Mehrwert bedeuten sein und für die NGO ist der PR-Effekt ebenfalls enorm. Damit die Strategie aufgeht, sollte man allerdings selbst ein wenig journalistisch denken können und lieber nüchterne Information anstatt Agitation sprechen lassen. Wenn man die Pakete zusätzlich via Social Media verbreitet (vielleicht noch mit einer CC-Lizenz versehen), kann man zudem auf virale Marketingeffekte hoffen.

6.) ABWEHR VON RISIKEN:
Die Punkte 1-5 sind als “Opportunities” formuliert. Doch es gibt auch “Threats”: auch den “natürlichen Feinden” von NGO’s bleibt wahrscheinlich nicht verborgen, dass die Bedeutung von DDJ weiter zunehmen wird. Deren Lobbys wissen nur zu gut, dass visualisierte Datenerzählungen einen ganz besonders hohen Einprägungs- und Bewusstseinsbildungswert haben (siehe Punkt 3.). So bringen auch sie ihre Daten und Programmierer in Stellung. Auch aus diesem Grund sollten NGO’s wachsam sein und danach trachten, den Anschluss an Entwicklungen in der Medienbranche nicht aus dem Auge zu verlieren.

WEB-TIPP:Wer sich davon überzeugen möchte, wie gut sich NGO-Themen datenvisualisiert machen, dem seien die Infografiken des GOOD MAGAZINESans Herz gelegt. (Die Empfehlung verdanke ich einem Tipp von Mirko Lorenzvia Twitter. Das von ihm entwickelte Open-Source-Datenvisualisierungstool DATAWRAPPERist übrigens gerade für den DDJ-Start eine ganz fantastische Hilfe, die ich jedem/r nur empfehlen kann!!!) 


Daten grooven, auch ohne dass Falco dazu rappt!

Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

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Markenbildung: Die Chance der freien Journalisten auf eine bessere Zukunft

Die Proteste rund um die geplatzte Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz haben neben der Debatte um Parteieneinfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Postenschacherpraktiken ein weiteres Thema aufs öffentliche Tapet gebracht: das Prekariat der freien ORF-Redakteure. Während die “Causa  Pelinka” ob der hohen symbolischen Verdichtung (Pelinka als Symbol des Packeleiaufsteigers vs. ZiB-Redakteure als Symbol eines unabhängigen ORF) sofort stark emotionalisierte, taugt die “Hungerlohn”-Thematik nicht wirklich zur Socialmedia-Lawine. Leider.

Dennoch ist das Anliegen, das ich in verschiedenen Medienunternehmen aus nächster Nähe beobachten konnte, natürlich ein wichtiges. Gestern habe ich dazu ein sehr spannendes Blogpost der freien Ö1-Journalistin Barbara Kaufmann gelesen. Darin stellt sie den Wert der durch die Freelancer für das Unternehmen erbrachten Leistung der Wert-schätzung durch die Geschäftsführung desselben gegenüber. Interessant dabei: monetäre und persönliche Wertschätzung werden (zu Recht) als verknüpft empfunden:

Denn natürlich lautet die Botschaft einer Honorarnote, deren Summe nicht einmal annähernd in Relation zur erbrachten Leistung steht, implizit: mehr bist du uns nicht wert!

Das Gefühl kenne ich aus eigener Erfahrung. Die Formen des Umgangs mit dem Protest dagegen (Vertrösten auf bessere Zeiten etc.) ebenfalls. Und auch das Killerargument in Form des beinharten Realitätsprinzips: “es gibt da draußen genug Leute, die auf Euren Job nur warten und dieselbe Arbeit für noch weniger Kohle machen würden.” In der Tat: Medienarbeit weckt Enthusiasmus und lässt einen lange Zeit Prekariatszustände bereitwillig ertragen, weil die journalistische Tätigkeit als solche ausreichend Job-Satisfaction bietet. Für eine gewisse Zeit. Irgendwann versteht man nicht mehr, warum man sich als Dank für sein Engagement ausnutzen lässt.

Neben dem (öffentlichem Socialmedia-) Protest gegen ungerechte  Prekariatszustände haben freie Journalisten aber noch eine andere Möglichkeit, den Mehr-Wert ihrer Leistung gegenüber dem Arbeit Auftraggeber geltend zu machen. Dazu erforderlich ist ein bisschen unternehmerisches Denken, indem man sich und seine journalistische Arbeit als Marke zu begreifen beginnt. (Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig dies für Journalisten sein kann, wenn sie für ihre Arbeit und das damit verbundene Berufsethos brennen.) Wie bei materiellen wird auch bei journalistischen Produkten der Wert erst in Verbindung mit dem entsprechenden Branding spürbar. Dazu braucht es entsprechendes Marketing. Personen- oder Selbstmarketing heißt, sein öffentliches Profil und seine Stärken gezielt in Szene zu setzen. Eine gute Plattform für Selbstmarketing sind Blogs (natürlich auch Videoblogs etc.), wo man zum einen seine Beiträge für den jeweiligen Auftraggeber aggregieren und zum anderen durch kurze regelmäßige Posts sein öffentliches Standing als Experte in einem bestimmten Bereich schärfen kann. Durch Möglichkeiten der Vernetzung mit anderen Spezialisten kann man sich über die geteilten Inhalte oftmals recht rasch eine Audience schaffen und so den eigenen Marktwert  erhöhen. Das Prestige, für ein bedeutendes Medienunternehmen tätig zu sein, ist dabei natürlich hilfreich.

Freilich bedarf es, damit echter Nutzen in Form der angestrebten (Selbst-)Markenbildung entsteht, eines strategisch durchgeplanten Zugangs. ZEIT Online-Redakteur Sascha Venohr hat beim letztjährigen scoopcamp freien Redakteuren Mut zur Spezialisierung geraten. Das gilt natürlich auch und gerade für die Profilbildung, die für den (imaginären) Marktwert von Journalisten so entscheidend ist. Welche 5 Stufen dabei zu meistern sind, hat Ulrike Langer, Betreiberin des Blogs medialdigital und die m.E. beste Medienjournalistin im deutschen Sprachraum, in dieser Präsentation anschaulich gemacht:

Auch wenn in der Präsentation von Frau Onlinejournalisten im Fokus stehen, so lassen sich die fünf Stufen auch gut für Radio- und TV-Journalisten adaptieren. Have a look!

Nun kann man einwenden, dass für Journalisten, die bereits in einem Unternehmen arbeiten wie Angestellte (mit dem einzigen Unterschied, dass sie Prekariatslöhne erhalten) die Markenbildungsstrategie nichts bringt, weil ja – Killerargument! – genug Bewerber vor der Redaktionstüre warten, die kein Geld wollen.  Dem halte ich zweierlei entgegen:

zum einen sind gerade die Mitarbeiter, die (intern wie öffentlich) als Spezialisten gebrandet sind, diejenigen, die für Unternehmen als unverzichtbar gelten. Da wird im Bedarfsfall – o Wunder! – plötzlich auch der finanzielle Spielraum größer. Nicht flächendeckend, aber immerhin für einzelne. (Eignung und Fähigkeit haben natürlich ursächlich nichts mit Selbstmarketing zu tun, aber Sie wissen ja, der Wert eines Produkts definiert sich über das Zusammenspiel von Leistung und MARKE).

Zum anderen verändert die Branding-Strategie auch die psychologische Beziehung des Redakteurs zum Arbeitgeber. Und nicht zuletzt hebt sie das Selbstwertgefühl des Journalisten. Ähnelt der Status vieler freier Mitarbeiter gegenwärtig – auch in der Eigenwahrnehmung –  dem von Bettlern, die froh sein müssen, überhaupt für einen Almosen arbeiten zu dürfen, so ist die Beziehung zweier Marken bzw. Unternehmen zueinander doch schon eher eine auf Augenhöhe. Der Wert des Mitarbeiters wird zum öffentlich deklarierten Gut ist und ist nicht mehr alleine vom Arbeit- bzw. Auftraggeber abhängig, der diesen gnädig bestimmt. Dass der durch Self-Branding erzeugte Druck die Chancen auf finanzielle Wertanpassung eher erhöht als nur das Appellieren an Gerechtigkeit, dürfte feststehen. Zumal sich dies auch betriebswirtschaftlich argumentieren lässt: steigt der Wert einer Marke, mit der im Tagesgeschäft operiert wird, dann steigt der Return on Investment (ROI) und das Branding der Medienmarke. Was wäre z.B. die ZiB2 ohne das Image von Armin Wolf…? Vom  Prestige der Mitarbeiter profitieren letztlich am allermeisten die Medienunternehmen selbst, im Kampf und Klicks und Quoten.

Mir ist klar, dass der von Ulrike Langer präsentierte 5-Stufen-Weg (aus verschiedenen Gründen) nicht für alle Journalisten gangbar ist, für manche könnte er aber doch Chancen für eine bessere Zukunft bieten. Und Hand aufs Herz: ein bisschen unternehmerischer Geist tut der journalistischen Redlichkeit keinen Abbruch. Eher im Gegenteil.

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medienleiter proudly presents: datenleiter! – #Datenjournalismus #OpenData

Nach medienleiter & gourmetleiter folgt nun der dritte Streich im Leiter’schen Blogimperium: datenleiter. Nun, wo Open Data nicht mehr wegzudenken ist aus den digitalen Mediendiskursen unserer Tage und Data Driven Journalism (DDJ) ein Thema ist, mit dem ich mich seit gut 2 1/2 Jahren intensiv auseinandersetze, ist es an der Zeit, selbst datenjournalistisch aktiv zu werden.

Wenn Sie das medienleiter-Blog kennen, werden Sie bemerkt haben, dass DDJ und OpenData hier immer wieder Thema sind. Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich mein Vorhaben nicht im Rahmen der bereits bestehenden Struktur umsetze. Der Grund ist folgender: medienleiter ist auf der Metaebene angesiedelt, es ist Reflexion, Analyse und Versenkung ins Detail, kurzum: der LANGE Atem meiner Beschäftigung mit digitalen Medien und ihren Verstrickungen in ökonomische, politische und kulturelle Zusammenhänge. Dazu kommt: medienleiterist extrem textlastig, ein BLOB-Gebilde par excellence – für das Großhirn (abstraktes Denken) ein Genuss :-) , für die Binärstrukturen von Computern dafür ein Graus :-(

datenleiter ist dagegen schonungslose Praxis, hier wird auf Erkenntnisvermittlung im KURZEN Zeitintervall gesetzt. Und: Seine Basis sind maschinenverarbeitete Datensätze.

Auch die journalistische Dimension ist bei datenleiter eine ganz andere: während es beim (analytischen) Textjournalismus immer um das Hinzufügen von Aspekten, Nuancen etc. geht, so ist Datenjournalismus vom Prinzip her mit der Bildhauerei verwandt: in die Masse von Facts & Figures werden Konturen eingemeißelt, um so die Antlitze der in ihnen lauernden Geschichten sichtbar zu machen. Wie der Bildhauer arbeitet auch der Datenjournalist reduktionistisch: wird dort Stein weggehauen und -gekratzt, so sind es in unserem Gewerbe die unnötigen Daten, die entfernt werden müssen, da sie den Blick auf die Geschichte(n) und ihre wesentlichen Komponenten verstellen. Der Begriff “Daten-satz” erhält auf diese Weise neben seiner binären Bedeutung auch eine klassisch narrative.

Aus der Summe dieser Überlegungen heraus erschien es mir sinnvoller, madienleiter und datenleiter getrennt voneinander zu betreiben. (Einen so langen Text wie diesen werden Sie im datenleiter-Blog auch nie mehr finden. Versprochen!)

Diese 6 W’S erwarten Sie bei datenleiter:

  • Wer? Markus Leiter aka medienleiter
  • Was? Themen quer durch durch das (Open)Data-Beet
  • Wie? verschiedene Formen und Formate: Grafiken, Interactives, Embedding (z.B. Google Public Data Explorer) etc.
  • Wann? 2 Mal pro Woche (bei Bedarf auch öfter)
  • Wo? nationale und internationale Themen
  • Warum? Wissen muss in Zeiten von Informationsproliferation und knappen Aufmerksamkeitsressourcen aUf einen Blick und entsprechend visualisiert vermittelt werden

Guideline:

Ich orientiere mich an Aron Pilhofer, Leiter des Interactives-Department der New York Times, der die folgenden 6 Postulate anlässlich seines Keynote-Vortrages beim scoopcamp 2010 in Hamburg formuliert hat. (Ich habe hier darüber berichtet, inkl. embedded Video-Interview)

  • Daten sind der Beginn journalistischer Erzählungen, nicht ihr Ende
  • Man muss als Journalist die Daten erst selbstverstehen, bevor man daran gehen kann, sie zu veröffentlichen
  • Journalistische Accuracy muss Hand in Hand gehen mit Daten-Accuracy. Letztlich, so Pilhofer, trägt der Journalist und Herausgeber die Verantwortung für das, was er publiziert.
  • Die Daten müssen bei Datenjournalismus von vornherein  in ein übergeordnetes narratives Konzept eingebaut sein.
  • Bei der Daten-Auswahl ist Fokussierung auf das Wesentliche geboten: Only publish figures that tell the story! Alles, was darüber hinausgeht (komplexe Tabellen, Listen etc.), ist lt. Pilhofer „Data-Porn“
  • Die wirklich wichtigen Informationen sollten dann visualisiert und interaktiv gemacht werden. Aufgabe der Visualisierung: „Tell me the story!“

In diesem Sinne: In medias res oder besser: In medias data!

Das hier Gelesene auf einen Blick visuell dargestellt (ist zwar noch nicht wirklich Datenjournalismus, aber ein erster Schritt dorthin…):

“]

[erstellt mit wordle.net

 [PS: Dieser Text ist fast wortgleich auf datenleiter.blogspot.com erschienen. Wenn Sie sich darüber wundern, wundern Sie sich einfach nicht! ;-) ]

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Anmerkung zum ZAPP-Bericht über die “Causa Pelinka”: #Socialmedia-Gegenöffentlichkeit als effektives Tool!

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat das großartige Medienmagazin ZAPP des NDR einen Bericht über die Causa “Niko Pelinka & ORF-Proteste” ausgestrahlt. Das Magazin hat hierzulande bereits im Dezember von sich reden gemacht mit einem herrlich bissigen Bericht über die Inseratenaffäre. Die Strickmuster bei beiden Themen sind ähnliche, geht es doch bei beiden um den Versuch der parteipolitischen Einflussnahme auf Medienunternehmen bzw. um den Verdacht (natürlich gilt die Unschuldsvermutung) eines solchen. Dieser reicht schon aus, um die Glaubwürdigkeit von Medien insgesamt in Frage zu stellen und wirft zudem ein schlechtes Licht auf Medienösterreich insgesamt.

Hier nun der gestrige Bericht:

Allein die internationale Beachtung des Themas ist sehr wertvoll. Die gut 7 Minuten des Berichts fassen die Problematik auch sehr gut zusammen. Eine Sache stört mich aber ein wenig, und zwar der fehlende Verweis auf die Bedeutung der digitalen #Gegenöffentlichkeit (zu der von “klassischen” Medienunternehmen gebildeten öffentlichen Meinung). Diese Gegenöffentlichkeit hat im Fall Pelinka eine ganz maßgebliche Rolle gespielt und (direkt wie indirekt) die ORF-Geschäftsführung letztlich zum Einlenken bzw. Niko Pelinka zum Postenverzicht bewogen.

Konkret meine ich, dass im ZAPP-Bericht kaum Bezug genommen wird auf die Socialmedia-Protestlawine, die den öffentlichen Druck erst so richtig in Schwung gebracht hat und das vom ersten Tag an. Und dieser 23.12. war ein Tag, an dem in den klassischen Medien tote Hose war – genau dieser Aspekt und die Hoffnung auf das Verpuffen der Proteste bis zum 9.01. war beim Timing der Pelinka-Bestellung ja auch das Kalkül der ORF-Führung (so sehen es, wie der Bericht zeigt, auch die Initatoren der Proteste im ORF). Es waren weiters auch die Socialmedia-Plattformen, die den Protest am Laufen gehalten und schließlich maßgeblich dafür gesorgt haben, dass sich das Youtube-Video der ZiB-Redaktion, das natürlich auch eine “Socialmedia-Aktion” war, so rasend verbreitet hat. Mit dem Effekt, dass auch klassische Medien, die ihrerseits von politischen Inseraten leben (müssen)…, nachziehen und dem Thema entsprechend Raum bieten mussten. In der Vergangenheit wäre das in der – wenn es um Strukturfragen geht – seltsam verhaberten österreichischen Medienszene nicht selbstverständlich gewesen. Diesen Aspekt haben die deutschen Kollegen leider übersehen.

Er ist nicht zuletzt auch deshalb von Bedeutung, weil er ein bezeichnendes Licht auf die (mangelnde?) Kompetenz von Medienmanagern und Parteizentralen in Fragen des digitalen Medienwandels und seiner Folgen wirft. Gerade in diesem Bereich liegen heute schon die existenziellen Herausforderungen für die Medienbranche. Dass man bottom-up die Zeichen der Zeit verstanden hat, haben die ORF-Redakteure mit ihren Protestaktivitäten eindrucksvoll bewiesen. Top down (Stiftungsrat, Geschäftsführung) ist dieser Befähigungsnachweis noch ausständig. (Zum Beispiel, wenn es um die Erkenntnis geht, dass sich das versprengte Tuscheln über Parteienfilz im Rundfunk mit Hilfe sozialer Netzwerktools rasend schnell vernetzt und unweigerlich zur öffentlichen Lawine wird.) Das ist eine nicht unwesentliche Lehre der vergangenen drei Wochen.

** [Update 14:54 Uhr] ORF-Generaldirektor Wrabetz zeigt  Lernfähigkeit: In dieser OTS-Aussendung heißt es u.a.: “…auch Maßnahmen der langfristigen Absicherung der Rahmenbedingungen, wie z. B. die Möglichkeit der Interaktion des ORF mit sozialen Netzwerken. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf nicht durch rechtliche Einschränkungen von neuen medialen Entwicklungen abgeschnitten werden…”

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Sex für Niko? Lieber Online-Standard, da habt ihr euch ganz schön vergaloppiert!

Eigentlich wollte ich die “Postenschacher-Affäre” rund um die geplante Bestellung von Niko Pelinka zum Bürochef von ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz in meinem Blog ja ganz auslassen. Auf den diversen Socialmedia-Plattformen habe ich meinen Senf zu dem Thema zur Genüge ausgebreitet. Im Verlauf der 3 Wochen der Debatte bin ich schließlich aber doch auf eine stattliche Summe von Aspekten gestoßen, die einer einlässlicheren Betrachtung bedürfen, für die die Länge eines Facebook-Kommentars nicht ausreichend ist. (Der Text ist in Vorbereitung.) Dann bin ich heute auf einen Text im Online-Standard gestoßen, bei dem mir wirklich speiübel geworden ist und der mich zu einer  sofortige Reaktion nötigt. Titel: “Sex für Niko”.

Message des Artikels: Junge Menschen in Niko Pelinkas Alter (25) haben für gewöhnlich kein Interesse an Karriere, sondern wollen v.a. eines: ununterbrochen vögeln. Der Streber Niko aber “lobbyiert sich am Leben vorbei”. Ratschlag der Autorin: der Niko möge ein bissi cooler sein und auf die Interessen seiner Altersgenossen einschweneken. “Und du wirst so mehr Sex haben. Weil dich irgendjemand wieder leiden kann. Irgendwer sicher. Irgendwann. Versprochen.” Ironie oder nicht, an Präpotenz und Unkenntnis der Situation junger Menschen heute (Generation Praktikum, Prekariatsjobs etc.) sind solche Zeilen nur schwer zu überbieten. Dass der Text bei Facebook die “Teilen”-Runde machen würde war klar, liefert er doch eine Shitstorm-Steilvorlage und animiert zum Trollen. Für viele ist das aus der sachlichen Diskussion herausgelöste Niko-Bashing ja v.a. eines: “a Hetz!” Wie eng “a Hetz” und Hetzerei beieinander liegen können, zeigt dieser Text und seine Folgen (z.B. in Form von gehässigen Facebook-Postings) in geradezu prototypischer Weise. (Aus urheberrechtlichen Gründen muss ich auf die Zitierung von besonders problematischen Beispielen leider verzichten.) Lieber Online-Standard, da habt ihr euch ganz schön vergaloppiert!

[Diesen Absatz habe ich schon als Kommentar zu einem solchen Posting ge-published.] Ohne Niko Pelinka persönlich zu kennen und ohne die geplante Postenschacher-Hofierung in irgendeiner Weise verteidigen zu wollen, aber solche Zwangsoriginalitäten gehen in inakzeptabler Weise unter die Gürtellinie (hoho) und vernebeln die Sicht auf die eigentliche Problematik. Das Niko-Bashing mag für viele lustig sein, und er ist wohl auch ein leichtes Opfer, aber wenn das solche menschenverachtenden Ausmaße annimmt, nee. Und haben die Leute, die das so lustig finden, eigentlich schon einmal bedacht, dass Niko Pelinka an der ganzen Sch… am wenigsten Schuld trägt? (Klar, er trägt Eigenverantwortung, Mitleid mit ihm ist fürwahr nicht angebracht: niemand hat ihn gezwungen, an dem dirty game teilzunehmen. Stimmt schon.) Vielleicht kann man die Kreativität ja mal in die Richtung umlenken: Nur so ein Vorschlag…

Zudem ist schon auch die Frage zu stellen, inwieweit Journalisten Verantwortung tragen für erwartbare Reaktionen, die im Socialmedia-Zeitalter einen lawinenartigen Charakter annehmen. Ich denke, die Verantwortung ist eine sehr hohe und auch entsprechend ernstzunehmen. Nun bin ich natürlich auch nicht ganz so humorlos, dass ich journalistischen Beiträgen nicht auch mal ein Tänzchen mit dem trolligen Facebook-Entertainment zugestehen will. Aber richtig und v.a. verantwortungsbewusst dosiert!

Weil sonst ist halt auch die journalistische Message am Ende eine  sehr plumpe. In dem Fall so in der Art von “Niko, fuck you!”. Hohoho! Und ich glaube, abzüglich aller Schenkelklopfer-Taxen, will uns derstandard.at und die Autorin des Beitrags das dann doch nicht wirklich  verhökern.

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Medienmanager, glaubt an Eure jungen Mitarbeiter!

Die Entstehung dieses Textes hängt ursächlich zusammen mit einer Forendebatte die ich gestern mit einer PR-Beraterin in der Xing-Gruppe Junge Journalisten zu meinem Blogpost Zwei Denkfehler, wenn Medienmanager #Socialmedia sagen geführt habe. Ich habe das Gespräch zum Anlass genommen, um hier einen Aspekt zu beleuchten, der mir bei der Beschäftigung mit Mediensystemen und Medienmanagement ganz besonders wichtig erscheint: welche Bedeutung haben junge Mitarbeiter (FH-Absolventen, Volontäre etc.) in den (Online-)Unternehmungen der Verlage – jenseits von (leeren) PR-Phrasen á la “mia setzn voi auf de jungen Wüdn“? Es geht mir dabei weniger um die journalistische Ebene, wo seit einiger Zeit schon manches Positive zu beobachten ist (z.B. Schüler-Standard), sondern mehr um andere Bereiche wie z.B. Socialmedia- oder Community-Management.

Das Mediengewerbe - eine No-Future-Branche, weil Innovation nicht zugelassen wird?

Die Gesprächspartnerin beklagte im Verlauf der Debatte die “Überschätzung der Digital Natives“ und stellte einen Vergleich an: Nur weil jemand mit Autos aufgewachsen sei und fahren können, bedeute das noch lange nicht, dass er auch wisse, wie diese funktionieren und gebaut seien. Das trifft die Sache sehr gut. Die Generationszugehörigkeit allein ist noch kein ausreichender Nachweis für Socialmedia-Kompetenz. Und doch bringt sie gewisse Startvorteile mit sich. In jüngeren Generationen funktioniert der Umgang mit Facebook, Twitter & Co einfach viel selbstverständlicher und ungezwungener.Anders gesagt: die Saat ist gesät, sie muss nur gedüngt und gegossen und hernach geerntet werden.


Das klingt in der Theorie selbstverständlich, in der Praxis hapert es m.E. aber dann doch sehr oft. Junge Mitarbeiter, sagte mir ein Verlagsmanager vor einiger Zeit, neigten nicht selten dazu, sich in die netzinkompatiblen Fahrbahnen der Altvorderen (= Printer-Denker der Generation 50+) zwängen lassen. Und dann geben sie Sätze wie diesen von sich : “Ich durfte im Praktikum die Abos in Facebook bewerben. Ich glaube, dass das eine coole Sache ist.” (Gehört vor ein paar Wochen bei einem Journalistentreff in Wien.)


Die Aussage ist natürlich Quatsch! Natürlich funktioniert im Internet die Kommunikation mit Usern nicht im top-down-Modus sondern auf Augenhöhe und inter-aktiv. (Das wäre so, als würde man sagen: Online-Foren sind digitale Leserbriefe.) Deprimierend ist so eine Aussage aus dem Munde eines 23-jährigen Redaktionsvolontärs schon allein deshalb, weil dieser in seinem eigenen Socialmedia-Leben (Facebook, Twitter, Storify etc.) einen ganz anderen (d.h. marktplatzüblichen) Umgang mit Socialmedia pflegt. Klar, als Praktikant ist man nicht in der besten Position, wenn es darum geht, Vorgesetzte von irrsinnigen Vorstellungen abzubringen. Wobei das immer auch eine Frage des Typs und der Persönlichkeit ist: hält man mit eigenen Vorschlägen hinterm Berg oder wagt man auch mal Widerspruch?


(ASIDE: Kontakte mit Journalismus-Fachhochschulstudenten haben bei mir in letzter Zeit öfters den Eindruck entstehen lassen, dass die #Ausbildungsgeneration nicht immer die diskursfreudigste und kritischste ist. Heißt konkret: keine Diskussionen nach Vorträgen, braves Abnicken des Gesagten, leiser Widerspruch allenfalls in kleiner Runde beim Nachhause gehen, weil sich es mit einem Professor oder Vortragenden durch eine allzu kritische Frage verscherzen, das geht auf keinen Fall. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ich will nun nicht sagen, dass “früher bei uns“ alles besser war, aber in mancherlei Hinsicht rächt sich m.E. doch der vollzogene Paradigmenwechsel von Bildung zu Ausbildung.)


Wenn sich junge Volontäre von Altvorderen einlullen lassen und ihre Socialmedia-Kompetenzen nicht aus- sondern (freiwillig) zurückbauen, dann sehen wir uns nicht nur einem 
Generationenproblem sondern auch einem strukturellen Problem der Medienbranche insgesamt gegenüber. Ich habe in diesem Blog schon des öfteren beklagt, dass die Kombination Medienunternehmen und Innovation keine wirklich funktionierende Zweierbeziehung ergibt. Verantwortliche Manager verkennen oftmals, was für Potenziale in ihren Volontären und jungen Mitarbeitern stecken. (Welche Leute man bei Medien, für die ich gearbeitet habe, einfach so hat ziehen lassen, unglaublich…) Den Strukturkonservatismus erkennt man daran, dass es vielen Verantwortlichen schwer fällt, eingeschliffene Prozessperspektiven in Frage zu stellen und anzuerkennen, dass das neue Informationsökosystem keine digitale Verlängerung bestehender Medienprojekte darstellt, sondern radikales Umdenken in vielen Bereichen erfordert.


Ich bin überzeugt: Würde man FH-Absolventen z.B. den Aufbau der Socialmedia-Arbeit anvertrauen (weil man es ihnen zutraut!!!) und sie dabei 
professionell projektmanagementtechnisch begleiten, könnte vieles bewegt und in richtige Bahnen gelenkt werden. Wer (österreichische) Medienverlage kennt, weiß aber, dass die Hierarchien trotz mancher gegenteiliger Behauptung nicht flach sind und für junge Mitarbeiten immer noch häufig als oberstes Prinzip gilt: “Kuschen!“ An einer Erschließung der Wissensbasis junger Mitarbeiter jenseits von handwerklicher Ausbildung sind – so meine Erfahrung – nur wenige Unternehmen wirklich interessiert.

PS: Nun wird vielleicht jemand einwenden wollen, dass die Facebook-Arbeit in kleineren Medienunternehmen eh vielfach von Volos und Praktikanten gemacht wird. Das meine ich mit dem Ernstnehmen junger Mitarbeiter aber nicht. Ich denke schon an strategisch geplante, taktisch ausgereifte und konsequent umgesetzte Formen von Socialmedia-Engagement, wo professionell ausgebaute Generationskompetenz und seriöses Projektmanagement Hand in Hand gehen.


Dieser Text erhebt natürlich nicht den Anspruch, eine profunde Analyse des Status quo zu leisten, er ist als Anregung für weiterführende Diskussion gedacht. Über Erfahrungen, Kritik u.a. im Forum würde ich mich sehr freuen.


Bild:Gerd Altmann  / pixelio.de


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Zwei Denkfehler, wenn Medienmanager #Socialmedia sagen

Der medienleiter darf sich seit Sommer “Geprüfter Medienmanager“ schimpfen. Diesen Selfconfidence-Boost verdankt der (aus Wiener Sicht) Gscherte seiner Abschlussarbeit über Regionalmedien in Zeiten von Socialmedia und dem Entstehen eines “neuen Informationsökosystems“, dessen Grundzüge Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger in diesem Aufsatz mit dem Titel Openness, Collaboration Key to New Information Ecosystem dargetan hat. (Der Praxisteil meiner Arbeit untersuchte das Fallbeispiel Osttirol. Der Vollständigkeit halber sei das auch erwähnt.) Weil der medienleiter sich der Thematik noch immer verbunden fühlt, führt er gerne ausführliche Gespräche mit Redakteuren und Managern von Regionalmedien, wie sie denn in ihrem Haus mit Internet, Socialmedia und so…

Socialmedia & Journalismus: Allzu oft eine lasche Angelegenheit!

Zuletzt geschehen am Wochenende (aus welchem Verlag und welchem Bundesland der Gesprächspartner kam, tut jetzt nichts zur Sache). Und wieder einmal musste der medienleiter feststellen, dass viele Ansätze und zum Teil auch Umsetzungen durchaus vielversprechend wären. Wären deshalb, weil leider sehr häufig das Prinzip Socialmedia als solches noch immer nicht richtig verstanden wird. (Ich weiß, ich klinge gerade wie ein Prediger, der von der Kanzel herab spricht, aber manchmal geht’s nicht anders.)

Denkfehler 1: Socialmedia-Plattformen als Marketing- und/oder “Ausspiel“kanäle

Besagter Medienmanager meinte in dem Gespräch sinngemäß, man habe sich über Facebook und Twitter mehr Zugriffe auf das Portal erwartet und gehofft, in den “jungen“ Medien neue, d.h. jüngere Zielgruppen ansprechen und binden zu können. Das habe nicht funktioniert und allmählich glaube er, das ganze Socialmedia-Zeug sei eine Blase, so wie die Finanzmärkte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass der enttäuschten Hoffnung ein kolossaler Denkfehler seinerseits zugrunde liegt: Facebook, Twitter, Google+ sind keine Marketing- oder “Ausspiel“-Kanäle, die man fastfood-artig befüllt und dafür im Gegenzug (als harte Währung des Internetzeitalters) Klicks, Unique Clients & Co zurückbekommt. Nein, Socialmedia ist Slow Food, bei dem es darum geht, dass man gemeinsam zu Tisch sitzt, sich kennenlernt und interaktiv austauscht. Es geht um langfristige Strategien. Nur so schafft man es, im Online-Leben der Menschen Bedeutung zu erlangen und die gesteckten Ziele für das eigene Medienunternehmen im richtigen Leben zu erreichen.

Im sehr empfehlenswerten Kulturmanagement-Blog widmete sich Christian Henner-Fehr vor ein paar Tagen (unter Bezugnahme auf diesen Beitrag in der Huffington Post) der gegenwärtig zu beobachtenden Ausdifferenzierung von Facebook und Google+: Während Facebook kontaktnetzzentriert funktioniere (man kommuniziert mit dem bestehenden Freundeskreis), sei Google+ stärker Content-zentriert: das Teilen von Inhalten und Ideen stehe im Vordergrund, es sei hier viel einfacher, an Content zu gelangen, als bei Facebook. Diese Entwicklung könne sich zwar wieder ändern, aber unter den Early Adoptern bei Plus zeichne sich derzeit dieser Trend ab. (Frage: Wie viele Medienunternehmen, für die das Internet zum kritischen Erfolgsfaktor geworden ist, haben dies aus ihrer eigenen Praxis heraus schon bemerkt?)

Quod licet Geek, quoque licet Medienbranche – dachte ich sofort als humanistisch gebildeter Mensch und machte mich daran, nach unterschiedlichen Strategien von Verlagen in Plus und Facebook Ausschau zu halten. Fehlanzeige. Leider agieren Medienunternehmen (und beileibe nicht nur im regionalen Bereich) ganz im Sinne des Originalzitates (“quod licet Geeks Iovi, non licet bovi“ – was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rind noch lange nicht erlaubt). Wie Kühe auf einer Weide kauen sie alles monoton wieder, bei Facebook, Plus und sonstwo. (Die jeweiligen Plattformen nehmen bei dem gewählten Bild die Funktion der verschiedenen Rindermägen ein. Wobei letztere – und hier hinkt der Vergleich schon wieder – durchaus funktionale Differenzierung kennen. Sei’s drum…)

Denkfehler 2: Sich an Trends “dranhängen“ anstatt sich dahinter zu klemmen

In dem Gespräch erklärte der Regionalmanager weiters, dass man wohl auch deshalb kaum Socialmedia-Erfolge verzeichnen könne, weil man Trends verschlafen habe – er nannte als Stichwort “Transmedia“. Auf meine Frage, was genau er mit Transmedialität meint, antwortete er: “Aktionen (z.B. Gewinnspiele) machen über verschiedene Plattformen hinweg, die mit Klicks auf das Portal und auf Werbeaktionen enden. Da rockt das Marketing volle Kanne“ Abgesehen davon, dass diese Goldgräbernaivität, die bei jedem neuen Trend unter den Mitläufern ausbricht (ehe totale Ernüchterung einsetzt), sehr blauäugig ist und ich zudem prinzipielle Zweifel bzgl. Transmedia Storytelling im Journalismus habe, zeigt mir die Aussage v.a. eines: Der gute Mann hat (wie viele seiner Kollegen) nicht verstanden, dass Transmedia Storytelling aus der Praxis heraus entstanden ist, d.h. aus dem Bedürfnis, Geschichten anders und mit anderen zu erzählen. Und nicht das Produkt eines Marketing-Managers war, der eine Schablone kreiert hat, damit Medienunternehmen easy Kohle machen können. Transmedialität bedeutet ganz im Gegenteil: noch mehr Fokus auf Erzählprozesse und -stränge und noch mehr Einsatz. Schnell und ohne aufwändige Planung geht nix. Oder besser gesagt: Es geht schon, aber es bringt nix und führt wieder nur zu dem von Denkfehler 1 schon bekannten Frust (“Socialmediabringtnix“). Sich einfach nur an Trend irgendwie dranzuhängen, ohne sich dahinterzuklemmen, ohne Mut zur Nerdigkeit und zum Bauchfleck, hat keine Aussicht auf irgendeinen Erfolg. Produkte, denen ihre Laschheit von vornherein anzusehen ist, werden von der Usern zu Recht nicht angenommen. Das Hype-Gewändchen überstreifen, um damit mangelnde Qualität in anderen Bereichen zu kaschieren, das spielt es nicht.

Lösung: Die Kultur von Storytelling im Netz begreifbar machen!

Gleiches gilt für andere hotte Trends, wenn sie unsexy und schnellschnell nachgemacht werden: Ich nenne als Beispiele hier nur Gamification und Crowdfunding. Natürlich kann man bei Kickstarter schnell was hineinklatschen, aber ohne long-term-Strategie, ohne Bereitschaft zu zeitintensiver Gehirnzerspragelung im Vorfeld und ohne sichtbare Leidenschaft werden Menschen “da draußen“ kein echtes Geld zur Unterstützung eines Projekt in die Hand nehmen. Das ist an sich eine klare Sache. Für manche aber eben (noch) nicht. Wohl auch deshalb, weil sie noch nie auf die Idee gekommen sind, ihre eingespielten Herangehensweisen im “neuen Informationsökosystem“ einem Reality Check zu unterziehen. Das sagt einiges darüber aus, was für ein Innovationsökosystem Teilen dieser Branche noch immer zueigen ist: Hypes das Wort reden ja, ein bissi auf das oder das machen ja, aber Bereitschaft zu echtem digitalen Kulturwandel nein! Und das ist irgendwie traurig. Als Herausforderung formuliert: Coachings, Seminare und Fachblogs sollten diesen letzten Aspekt stärker in den Vordergrund rücken, auch wenn es deutlich weniger mühsam ist, jeden Tag neue Storytelling-Tools vorzustellen, mit denen am Ende aber meist doch nur more of the same boring Einheitsbrei erzeugt wird. Meine Forderung: Erst die (techno)kulturelle und dann die elektronische Software lehren!

Bild:Gerd Altmann  / pixelio.de

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“Vote for me”-Beggars: Wenn Selbstmarketing lächerlich wird

Dass das Jahr sich dem Ende zuneigt, merkt man auch daran, dass überall eifrig gevotet wird: Singersongwriter of the year, Album of the year, Blogger of the year, Whistleblowingplatform of the year etc. etc. (Keine Angst: Auf Sinn und Unsinn solcher Veranstaltungen gehe ich hier nicht ein.) Ich würde von all dem ja gar nicht so viel mitbekommen, wenn nicht überall in den Socialweb-Freundeskreisen “Vote for me”-Beggars auf sich aufmerksam machen und/oder private Messages mit ensprechenden Bbittebittebitte-Aufforderungen schicken würden.

Beim Durchsehen des Facebook-Streams der letzten Tage sind mir u.a. Medien-, Kunst- oder Fashionprojekte aufgefallen, die alle für diverse Awards eifrig Support-Klicks sammeln gehen, und für ihre Eigenwerbung natürlich auch Kontakte und Kontakteskontakte einspannen wollen. Ich sehe das auch positiv, denn so bin ich auf interessante Initiativen gestoßen, die mir sonst wohl ziemlich sicher entgangen werden. Auf der anderen Seite wirkt es befremdlich und kommt einem bisweilen wie eine digitale Abwandlung von Straßenbettlerei vor (Oida, host an Klick für mi?) Auch überschätzen viele wohl die Bedeutung solcher Votings, nicht zuletzt auf Grund der Vielzahl an (Pimperl)Awards, von denen die meisten wohl nur deshalb ins Leben gerufen werden, damit die Sitetraffic-Stats auf der Institutionswebsite in die Höhe schnellen. Socialmedia-Reputation erlangt man so auch nicht, sondern nur durch strategisch geplantes und konsequent durchgezogenes Netzwerken – ganz gleich, ob es um Kunst, Bloggen oder sonstwas geht.

Zu beachten ist auch, dass Socialmedia-Reputation und Reputation im echten Leben nur bedingt getrennt werden kann. Höchst befremdlich fand ich etwa vor ein paar Monaten die Eigenmarketingaktion einer Musikerin in Facebook, die in mehreren Messages darum ersuchte, man möge für sie als Newcomerin des Jahres (oder ihrer Generation, das weiß ich nicht mehr genau) stimmen und ihr (noch gar nicht fertiggestellts Album) als Album des Jahres schon mal vormerken. Ich weiß auch nicht mehr, um was für ein Voting es ging, aber diese Form der Bettlerei erschien mir nicht bloß kindisch, sondern schon fast entwürdigend. Um nicht missverstanden zu werden: Social Media Marketing ist natürlich wichtig, Rankings sind wichtig, User-Votings sind wichtig – aber der allzu streberhafte Zugang beeinträchtigte dann doch auch die Rezeption der Künstlerin und ihrer Arbeit, obwohl ich genau das nicht wollte. Aber beim Hören eines Songs, der die Tiefe von Emotionen auszuloten vorgibt, traten die ridikülen Zeilen aus Facebook wieder vor das geistige Auge. (Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn eine Agentur die Bettelarbeit verrichtet hätte.)

Viele Wege führen zu Klicks, aber manche auch einfach nur in die Lächerlichkeit!

Endgültig aus ist es bei mir, wenn ich (und natürlich viele andere auch) von einem (internationalen) Journalisten eine Nachricht erhalten, ich möge doch bittebittebittebitte möglichst viele seiner Tweets re-tweeten und @mentions seines Accounts machen, damit sein Klout-Ranking die Zahl 40 erreicht und er Bottlenose-berechtigt wird. (Ich fordere: No Bottlenose for Bettlernose! Ok, ist jetzt nicht sehr originell…) So jemand wird – um es mit René Pollesch zu formulieren – sofort “weggehupt”, auch wenn er in seiner Nachricht  (präventiv) dazuschreibt, dass er eh weiß, dass sein Anliegen bisschen lächerlich rüberkommt. Ja, in der Tat: das tut es!

Und die Moral von der Geschichte: Beim Selbstmarketing aufpassen, dass man sich nicht zum Dodel macht! Ein schlechter Eindruck bleibt nämlich sehr leicht auch nach Beendigung einer Voting-Aktion oder ähnlichem bestehen.

Wie es sich bei dem Thema gehört, gibt’s zum Schluss noch eine kleine Umfrage (Kommentare im Forum sind natürlich auch sehr willkommen):

PS: Es ist kein Zufall, dass es für das Wort “mögen” im Deutschen keinen Imperativgebrauch gibt. Mag mich gefälligst! So einen Satz gibt es nicht. Und das hat seinen guten Grund.

Bild: Benjamin Klack  / pixelio.de

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