Von den großen Zweinull-Umbrüchen, welche die Geschäftsmodelle von Zeitungsverlagen weltweit in die Bredouille gebracht haben, ist das TV bislang weitgehend “verschont“ geblieben. Das alte elektronische Einbahnstraßenmedium TV hat dem Angriff des Rückkanalmediums Internet bisher standgehalten (Dass auch auch im Netz (legal oder illegal) TV geguckt wird, hat damit nichts zu tun, die monolineare Ausrichtung des Rezeptionsprozesses bleibt ja dieselbe.) Das heißt, die klare Trennung von Produzent und Konsument hat von den interaktiven Umbrüchen der digitalen Informationsökosysteme und Zwitterstrukturen (etwa im Sinne von produsage) bisher nichts abbekommen.
Lange Zeit blieb das TV von den Umbrüchen des “digitalen Medienwandels” durch das Internet verschont. Doch damit ist jetzt Schluss!
Das liegt natürlich auch in der Natur der Sache, d.h. in der Macht der Bilder. Während Sprache ein jede(r) irgendwo mehr oder weniger sinnvoll gebrauchen kann, um sich in Diskurse einzumengen, ist es beim TV schon allein aus technischen Gründen deutlich schwieriger, etwas Genießbares auf die HD-Screens in unseren Wohnzimmer zu zaubern. Und doch zeigen uns seit Jahren Videoplattformen wie Vimeo, dass auch usergenerierte Bewegtbilder (on demand) absolut massentauglich sein können. Von der Popularität einschlägiger Youtube-Celebrities können oftmals auch größere TV-Stars nur träumen. So ist es also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bastion Fernsehen irgendwann so “social” wird, wie es die klassischen Nachrichtenportale aus Zeitungsverlagen schon sind.
Und in der Tat: die Versuche, die Welten von Web und TV miteinander integral zu verknüpfen, werden zunehmend ausgereifter. Neu ist das Bestreben als solches freilich nicht: Denken wir etwa an die schon vor Jahren gestarteten Versuche, Web-Übertragungen (etwa bei ran.de von SAT1) von Fußballspielen mit Facebook- und Twitterströmen zu verknüpfen und so zum gemeinschaftlichen UserInnen-Erlebnis zu machen. Was sich in der Praxis allerdings als meist recht schwierig gestaltete, wenn viele UserInnen die Features gleichzeitig nützen wollen. Dann rauschten die Kommentare im Hundertstelsekundentakt schnell wie Sturzbäche an einem vorbei und Debatten konnten erst gar nicht entstehen. Abgesehen davon, dass man ja auch vom Spiel noch etwas mitbekommen möchte… Aber auch hier gibt es laufend Verbesserungen und die Applikationen werden zunehmend sinnvoller. (Vielleicht schreib ich demnächst mal ein eigenes Blogpost zu dem Thema.)
Das bislang am weitesten in Richtung SocialTV gehende Experiment startete gestern der Bayrische Rundfunk mit dem Konzept der Rundshow. Moderiert wird das zeitlich befristete Sendungsformat vom bekannten TV-Moderator sowie Netz- und Apple-Aficionado Richard Gutjahr (gemeinsam mit anderen ModeratorInnen; gestern war Daniel Fiene an der Reihe.) Das Besondere an der Rundshow besteht darin, dass hier tatsächlich Web und TV miteinander verschmelzen. UserInnen werden z.B. via Skype oder Google-Hangouts in die Sendung zum Talk geschaltet und auch eine Feedback gebende, mitdiskutierende App- und Socialmedia-Audience ist (gewissermaßen als Studiopublikum 2.0) in das Konzept eingearbeitet – so weit hat sich (zumindest im deutschen Sprachraum) bislang noch niemand vorgewagt.
Wie bei Premieren nicht unüblich, gab es Licht und Schatten: Beginnen wir mit letzterem, um dann die Potenziale besser highlighten zu können. Das Sendungsthema “Protestbewegungen in Spanien und Griechenland“ war gut gewählt und bot viele Entfaltungsmöglichkeiten, dennoch fühlten sich die 30 Minuten Sendezeit phasenweise an wie Schulfernsehen. Was nicht zuletzt einer bisweilen stark deplatziert wirkenden Zwangsoriginalität (Kuchengags etc.) der beiden Moderatoren geschuldet war. Auch fehlte dem Umgang im Austausch TV – Social Web noch das Selbstverständliche, was – wie bei Meedia zu Recht kritisiert wurde – zu einem hohen Maß an Selbstreferenzialität des Formats geführt hat. Aber gut, es war die erste Folge, und hier geht es auch um einen Lernprozess, an dessen Ende hoffentlich als Ergebnis zu verbuchen steht, dass Gespräche mit zugeschalteten Skype- oder Hangout-UserInnen und auch Wechsel von Medialitäten nichts Besonderes mehr sind. (Al Jazeera, dessen Format lt. Gutjahr eines der Vorbilder ist, sind auf diesem Terrain auf Grund viel größerer Erfahrung logischerweise schon weiter.) Die logische Folge dieses “Reiz des des Neuen“ macht sich auch dahingehend bemerkbar, dass es (noch) nicht gelungen ist, die Aufmerksamkeit vom medialen Experiment auf die Themen und die (leider viel zu kurz zugeschalteten) SprecherInnen zu lenken – was umso mehr schade ist, als diese durchaus Interessantes zu berichten gehabt hätten. Den Nutzen des Konzepts in einem inhaltlichen Mehrwert dingfest zu machen, ist also noch nicht geglückt. Aber zu diesem frühen Stadium wäre dies auch zu viel verlangt. Doch genau das muss das Ziel sein.
Dennoch würde ich meinen, dass der Versuch – als solchen sieht ihn Richard Gutjahr, wie er vergangene Woche bei einem Webinar-Talk der Wiener Fachhochschule für Journalismus und Medienmanagement erklärte – im Gelingen ist. Das große Potenzial von Social TV hat sich – wenn auch nur in kurzen Momenten – doch mehr als nur angedeutet. Die Protestbewegungen in Spanien und Griechenland aus der Perspektive von unmittelbar Betroffenen erzählen und beleuchten zu lassen, erweckt beim Zuseher ein deutlich stärkeres Gefühl des Dabeiseins, als wenn ein(e) professionelle(r) zugereiste(r) KorrespondentIn am Rande einer Demonstration Analysen auf der Basis von Agenturmeldungen anstellt und – um “on the spot“-Athmosphäre zu suggerieren – ein paar Sekunden O-Töne von PassantInnen einfließen lässt. Im Mehrwert an Authentizität aber auch an perspektivischer Subjektivität, die den Zuseher/die Zuseherin in die Dinge hineinzieht und selbst Urteile bilden lässt, sehe ich eine große Stärke von SocialTV gerade für den Nachrichten- und Magazinbereich.
Und nicht zuletzt auch eine Vorbedingung für das (zukünftige) Modell von Open Journalism, an dessen Entwicklung der Guardian gerade mit großem Eifer arbeitet. Damit die Einarbeitung interaktiver Content-Elemente sinnvoll funktionieren kann, bedarf es freilich auf allen Ebenen einer hohen und auch experimentellen Erfahrung mit den verschiedensten Formen von Socialmedia-Kommunikation, verteilt über mehrere Plattformen. Diese Erfahrungswerte werden sich dann bezahlt machen, wenn in der Zukunft die klassischen Medienbereiche und das Web noch weiter zusammenwachsen. Gutjahr meinte in besagtem Webinar, dass er davon ausgehe, dass nach einer Phase “TV so wie bisher“, aber doch auch nicht in allzu ferner Zukunft, die Weichen in Richtung SocialTV definitiv gestellt werden. In diesem Zusammenhang können die in Österreich geltenden Socialmedia-Beschränkungen für den ORF in der Zukunft noch zum Bumerang werden. Wie beim Skifahren gilt auch hier: Wer nicht früh genug testet und ein für sich passendes Setting findet, der verliert, wenn es darauf ankommt, schnell den Anschluss.
Der BR ist derzeit übrigens nicht die einzige TV-Anstalt, die sich auf das SocialTV-Parkett wagt. Auch das ZDF setzt im Zusammenhang mit der neuen Serie Die letzte Spur auf interaktive Features, wenn auch diese keinen Einfluss auf das Onscreen-Geschehen haben. Auch hier geht es um Erfahrungswerte und nicht zuletzt um die Möglichkeit, neue Formate durch professionellen Austausch mit ZuseherInnen und UserInnen via Social Web beständig zu optimieren. Davon ließ auch ich mich – bei Google+ kundgetan – entzücken:
Fazit: Der SocialTV-Zug ist gerade dabei, auf Schiene zu gehen. Mit Andockmanövern sollte man auch in Österreich nicht allzu lange warten…
Bildquelle (TV-Gerät): sigrid rossmann / pixelio.de


