So, nun ist also tatsächlich der gesamte April und auch fast schon ein Fünftel des Mai vergangen ohne ein einziges medienleiter-Blogpost. Viel Arbeit mag als Entschuldigung Ausrede durchgehen, aber trotzdem: Shame on me! Wobei ganz untätig war ich blogtechnisch ja denn auch nicht. In der Zeit erschienen vier (!) Einträge auf meinem Blog datenleiter (Daten und v.a. Datenjournalismus grooven, yeah!) Ist zwar auch keine wirklich berauschende Zahl, aber jetzt wird alles anders! Der Monat Mai (und alle ihm folgenden) wird zur Bloggingtime erkoren. Die innere Stimme befiehlt es, seit Sascha Lobo bei der re:publica diese Woche in Berlin 2012 zum Jahr des eigenen Weblogs ausgerufen hat.
Lobos Ansatz: Während im Facebook-Internet alles, d.h. auch der eigene Content, “geborgt” ist und man sich zum sprichwörtlichen Diener einiger weniger (Daten)Herren macht, der nach eigenen (wirtschaftlichen) Interessen bestimmt, was angemessen ist und was nicht, bieten Blogs tatsächlich die Möglichkeit der Kontrolle über die eigenen Inhalte. Mit dem Triumphzug von Plattformen wie Facebook, Twitter & Co haben Blogs in den vergangenen Jahren freilich sukzessive an Bedeutung verloren. (In seiner Kolumne für Spiegel Online vor einigen Wochen führte Lobo dies vor einigen Wochen denn auch näher aus.) Ist irgendwo auch klar: in die Facebook-Timeline ein paar Zeilen hineinzuposten, oder – en passant – ein paar Zeilen zu liken, ist viel easier und bedeutet v.a. viel weniger Zeitaufwand. Dabei ist schnell und einfach nicht immer am besten zu verdauen. Für inhaltliche Kommunikation jenseits des schnell Like-baren ist Facebook einfach nicht das richtige Environment – für mich jedenfalls. (Könnte ich nicht auf meine Blogposts hier verlinken hätte ich als medienleiter genau gar nix zu sagen.) “Facebook ist Fastfood, Bloggen ist selber kochen”, brachte es Ritchie Pettauer anlässlich des World Blogging Forums Vienna 2010 sehr schön auf den Punkt.
Wie sieht die Sache nun aus, wenn man die Lupe auf die re:publica 12 hält? Trotz massiver WLAN-Probleme vor Ort wurde getwittert, was das Zeug hält. Irgendwo habe ich von 40000 Tweets an den drei Tagen gelesen. (Ich hab die Zahl nicht selbst überprüft, daher ohne Gewähr!) Natürlich war der Konferenzhashtag #rp2 ein weltweites Trending Topic. Für datenleiter habe ich Tweetfrequenzmessungen gemacht und kam zu verschiedenen Zeitpunkten auf Werte zwischen 1 Tweet alle 2.4 bzw. 2.8 Sekunden. Auch bei Facebook, Google+ & Co war das Thema natürlich big.
Vergleicht man nun aber das Verhältnis Blogberichte vs. Berichte “klassischer Medien” (so wie dieser Tweet mit verknüpfter Statistik), so überrascht doch, dass letztere quantitativ so deutlich überwiegen. Klar, bei den Newsberichten werden auch die hundertfach wortidentisch übernommenen Agenturberichte mitgezählt und doch würde man von einem Event mit 4.000 Leuten, das ursprünglich mal als BloggerInnenkonferenz in die Welt gesetzt wurde, eine nicht ganz so krasse Dysbalance erwarten. Natürlich ist Bloggen in der Hektik einer Megakonferenz (mit technischen Unpässlichkeiten) alles ein bisschen mühsam.
Und überhaupt: Microblogging via Twitter ist ja auch irgendwo Blogging, das sich nicht zuletzt als Grundlage für kuratierte Geschichten z.B. mit storify sehr gut eignet. Ich habe selbst zwei Stories auf diese Weise zusammengestellt, eine über den Auftritt von EU-Kommissarin Neelie Kroes und eine über Eben Moglens Warnung vor einer Versklavung durch das Internet als Folge zu mächtiger Plattformen. Bei der Sichtung der Socialmediastreams auf der Suche nach brauchbaren Geschichtenbausteinen ist mir etwas aufgefallen: Die Tweets, die aus einer unmittelbarer Wahrnehmung heraus geschrieben wurden, waren bei beiden Themen nahezu an einer Hand abzuzählen. Selbst bei den Bewertungen zirkulierten hunderte Retweets aber nur sehr wenige originale Einschätzungen. Ist auch bequemer, den “Retweet to your followers”-Button zu drücken als selbst microzubloggen. Man sieht: selbst in der Miniatur von Twitter spiegelt sich das von Lobo im großen Kontext bedauerte Muster. Brutal gesagt, wird auf diese Weise selbst die Wahrnehmung und Meinungsäußerung zur geborgten Subjektivität. Aus drei, vier originalen Tweets wird aus der Timeline jener für den Retweet auserkoren, für den man sich am ehesten erwärmen kann. Multiple Choice-Authentizität, mit dem man seinen Followern zu verstehen gibt: Ich habe mich geäußert, Thema durch.
Ich weiß, das klingt alles ein wenig altbacken und Nase rümpfend. Ich wills aber mal positiv formulieren: Inmitten der Bequemlichkeitssocialmedianutzungskultur ist es mittlerweile recht einfach, mit originalen Beiträgen, die in der verbloggten Vertiefung auch mal länger als 140 Zeichen geraten, wahrgenommen zu werden. Needless to say, dass man so auch seine eigenen Points of view an den Mann und an die Frau bringt. Ein gutes Socialmediaenvironment vorausgesetzt (z.B. durch Trending Topics) ist es dann auch meist nicht schwer, auch größere Audiences anzusprechen. (Die Zugriffsstatistiken bei medienleiter haben mir das schon das eine oder andere mal bestätigt…)
Konkret gesprochen: Mit guten Zusammenfassungen von z.B. Konferenzpanels und einer klugen kritischen Auseinandersetzung im Anschluss (Profilierungsmöglichkeit!) ist es ganz und gar nicht schwer, aufmerksamkeitsökonomisch zu punkten. Ein bisschen Mühe bereitet das natürlich schon, aber die Hürde ist auch nicht soooooooooooo groß. Die Zeiten für Blogs sind also in der Tat grad gar nicht mal so ungünstig. Oder anders gesagt: für schicke Themenrestaurants inmitten von Frittenbuden, die ihre Inhalte allesamt in dasselbe (abgestandene) Öl tunken ist Platz genug!
Bildquelle: flickr.com / (cc) iStockphoto I re:publica 2012



Pingback: medienleiter-Berichte zur re:publica [Links] | medienleiter