Aids als multimediale Erzählung. Keine Metapher.

[Dieser Text ist ein Supplement zu einer storify-Geschichte und erschien erstmalig bereits im Herbst 2009 im Vorgängerblog von medienleiter. Im wesentlichen ist die Textfassung gleich geblieben, ein paar Stellen habe ich überarbeitet. medienleiter]

Im Folgenden stelle ich einige narrative Aspekte einer sehr gelungenen Multimedia-Erzählungen des Online-Guardian vor. Im Herbst 2009 hat das Portal im Rahmen seines bemerkenswerten Themenschwerpunktes Aids ein MM-Special mit dem Titel World Aids Day: Think positive veröffentlicht, welches auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht, wie multimediale Kompositionen für Bewusstseinsarbeit eingesetzt werden können. Den Hintergrund für die Arbeit bildete ein seit 10 Jahren bestehendes, vom GUARDIAN und UNICEF unterstütztes Projekt in Kenia, für das der Photograph Gideon Mendel zu Foto- und Filmaufnahmen ins afrikanische Land gereist ist.

Entstanden sind neun berührende Geschichten, in denen Betroffene über ihr Schicksal (wie sie sich infizierten und wie sie von der Krankheit erfuhren), über ihren Alltag mit dem Virus, die medizinische Behandlung, über gesellschaftliche Diskriminierung, sowie über die psychischen und sozialen Folgen (inmitten oftmals großer Armut) berichten. Als Darstellungsmedien werden Fotos, Videos und Text eingesetzt. Hinzu kommt ein Bereich mit weiterführenden Artikeln und Links. Die Startseite zeigt in drei Reihen (4-3-2) neun Fotos von den neun Menschen, die ihre Geschichten erzählen. Die Bildsprache ist betont ästhetisch, auf Schockwirkungen á la Benetton oder auf Mitleid heischende Effekte wird aber gänzlich verzichtet. Das Titelbild des Specials weist einen stark heroisierenden Zug auf: ein junger Mann steht an einer Wand und nimmt eine Haltung wie Christus am Kreuz ein. Auf seiner nackten Brust prangt in weißen Lettern: HIV +. Vor ihm stehen acht Menschen, deren Gesichter man nicht sieht. Mit ihren Händen drücken sie den Körper ihres Landsmannes noch weiter gegen die Wand. Die symbolische (und nicht zuletzt auch biopolitische) Aussage des Bildes könnte kaum deutlicher sein.

Eine zuversichtlichere Message strahlt ein Fotos aus, das eine Frau zeigt, die ebenfalls von (nur zur Hälfte sichtbaren) Menschen umgeben ist: diese stehen hinter ihr und legen die Hände auf ihre Schulter, wobei die Frau ihrerseits die Hände der Mitmenschen ergreift – ein Gefühl von Solidarität macht sich (als deutlicher Kontrast zum Mann zuvor) breit. Ein anderes Bild zeigt eine Frau mit Kopftuch, welche (aus Scham?) die Hände vor ihr Gesicht hält. Wieder ein anderes zeigt eine Mutter mit Kind hinter einer Art durchsichtigem Plastikschleier, welcher die gesellschaftliche Isolation von HIV-Kranken symbolisieren könnte. Die Bildsprache ist bei jedem Foto so angelegt, dass immer ein Aspekt fokussiert und  ästhetisch inszeniert wird. Im Bildzentrum dominiert bei allen neun Fotos stets das Gesicht des porträtierten Menschen. Auch in diesem Punkt ist die symbolische Botschaft deutlich zu vernehmen: Die an HIV Erkrankten sollen – sprichwörtlich – ihr Gesicht wahren können und nicht als Träger einer Krankheit vorgeführt werden, die in der “Dritten“ wie in der “Ersten Welt“ für viele noch immer mehr ist als “nur” ein Virus (Stichwort: Aids als Strafe Gottes). Nicht zuletzt die Medienberichterstattung über Aids weist solche de-humanisierenden Züge auf: Die Krankheit und die an ihr Erkrankten werden immer noch häufig als Objekte der Projektion gesellschaftlicher Ängste re-präsentiert. Diesen Aspekt betont etwa das Foto mit der Frau, die statt ihrem Gesicht das Nicht-Zeigen desselben vorführt.

Blickt man auf die Bildstrecke in ihrer Gesamtheit, so formen sich die (symbolischen) Aussagen, welche die neun Bilder transportieren, zu einer zusammenhängenden Geschichte. Diese hebt sich in ihrer Erzählweise nun in wohltuender Weise von den (medialen) Ausschlussmechanismen ab, die Susan Sontags Essay “Aids und seine Metaphern” so scharfsinnig analysiert. Geht man die dramaturgische der Bildergeschichte durch, so wird ein beständiges Auf und Ab im Leben mit der Krankheit erkennbar. Sieht man in Bild 1 einen Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift “Knowing your HIV-status can change your life” trägt und erhobenen Hauptes geht, so zeigt das letzte Foto die Frau mit den Händen vor dem gesenkten Kopf. Zwischen dem erhobenen und dem gesenkten Kopf liegen (Video-)Erzählungen über Projektionen von außen (Vorurteile etc.) und soziale Dilemmata. An ihrem Ende steht (symbolisch) das Einknicken des menschlichen Antlitzes. Die verzweifelte Situation, mit der HIV-positive Menschen in Afrika und anderswo konfrontiert sind, wird auf diese Weise emblematisch dokumentiert, das zentrale Anliegen des Projekts eindrucksvoll untermauert.

Faszinierend an diesem Multimedia-Special ist freilich auch der Wechsel vom statischen zum bewegten Bild.  Klickt man auf die Fotos, so startet das Video mit der Geschichte des porträtierten Menschen. Das Foto ist zugleich für ein paar Sekunden das erste Video-Image und fungiert als Fenster in ein Haus voller Geschichten. Dabei wird das Tor von der Außenperspektive (des Foto zieht den Blick des Betrachters an) zur Innenperspektive des Betroffenen aufgestoßen. Auch hier ist der symbolische Ansatz unverkennbar: Die Eingefrorenheit der fotografischen Aufnahmen geht über in bewegte Bilder. Aus der Erstarrung, welche die Erkenntniszäsur “Knowing your HIV-status can change your life” mit sich bringt, gehen neun Lebensgeschichten hervor, in denen die Erkrankten jenseits äußerer Projektionsflächen, die bei der Wahrnehmung und Interpretation von Fotos (durch Nicht-Kranke) noch stark wirksam sind, selbst den Diskurs führen.

Doch darin allein schon ein Befreiungs(meta)narrativ von den Zwängen externer Zuschreibung zu sehen, wäre zu optimistisch gedacht. Denn natürlich wirkt das “Außen” auch im “Innen” nach. Manche Videos transportieren diese Botschaft: während die Kamera umherschweift und die von Armut und Tristesse geprägten räumlichen Dimensionen auslotet, bleibt der Kranke wie angewurzelt stehen, und spricht (für die dargestellte Umwelt unsichtbar) über seine Geschichte. Eine in die bewegte Umwelt hinein verlagerte Selbst-Erstarrung, eine symbolische Übernahme der starren Bilder von außen.

Auch im Bereich der Bewegtbild-Erzählungen ist deutlich eine pointierte dramaturgische Struktur zu erkennen. Diese gibt dann in der Tat Hoffnung: dominiert ganz besonders im ersten Video, in dem die Diagnose im Mittelpunkt steht, noch die Erstarrung – bewegt ist v.a. der (Kamera)Blick auf (und neben) die Kranken -, so lockert sich diese bei den folgenden Geschichten allmählich. Gänzlich verschwindet sie allerdings nie.

Spannend ist auch die Perspektive des Specials auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext von Aids. Die Trennung Gesunde / Kranke wird aufgehoben, wie das erste Video  ohne Umschweife deutlich macht: “Every individual in this country is HIV, whether positive or negative, you have a role to play.” Suggerieren im dazu gehörigen Foto die Hände, welche den in Christus-am-Kreuz-Haltung stehenden Mann gegen die Wand drücken, das Motiv gesellschaftlichen Ausschlusses, so vermittelt das Videobild (mit den nunmehr bewegten Händen) den Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlich gebrandmarkten Menschen und der ihn umgebenden Gesellschaft: während die sich als psychologischer Mob gebärdende Masse den Mann anstarrt, so steht auch sie (im wahrsten Sinne) in Berührung mit der Krankheit: etwa wenn Familienmitglieder, Freunde etc. erkranken, wenn ganze Dorfgemeinschaften durch AIDS dezimiert werden und in der Folge Wirtschafts- und Sozialstrukturen zusammenbrechen etc. Gerade das meta-narrative Zusammenspiel von fotografischer und animierter Bildsprache zeigt hier sehr präzise die gesellschaftliche Widersprüchlichkeit im Umgang mit HIV auf.

Es beeindruckt in diesem Guardian-Special, wie crossmediale Erzählsprachen gezielt eingesetzt und in den Dienst der Botschaft gestellt werden. Auf narrativer wie auf metanarrativer Ebene. Last but not least, werden am Ende der Videos UNICEF- und andere Botschaften zur Aids-Problematik in Kenia, dem Hilfsprogramm etc. eingeblendet. Angesichts der multimedialen Erzählverdichtung zuvor wirken genau diese Botschaften nun viel eindringlicher und konkreter, als wenn sie “nur” im Stile einer klassischen Bild-Text-Schere unter ein Foto oder in den Abspann eines Videos gesetzt würden.

Bild: Marcel Rolfes  / pixelio.de

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