Ende der vergangenen Woche wehte ein steifer Nordwind durch Medienösterreich. Er kam unerwartet und von außen, in Gestalt eines Berichtes des NDR-Medienmagazins ZAPP über unheilvolle Allianzen, die Politik und Medien hierzulande bilden. Wir alle wissen davon, und haben uns in der Praxis doch längst mit “der Realität” abgefunden. Hin und wieder gibt’s etwas Aufregung, etwa als vor einigen Wochen Verdachtsmomente auftauchten, dass Inserierungstätigkeiten seitens öffentlicher Stellen allzu freunderlwirtschaftsmäßig durchgeführt wurden. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Empörung legt sich schnell, sie ist emotional gesteuert, wallt auf und schwillt ab. Konsequente Hartnäckigkeit gegenüber Inakzeptablem ist anders, sie baut sich langsamer auf und beruht auf ratio. Diesen Spagat zwischen ratio und emotio schafft der NDR-Bericht. Er erzählt nichts Neues, aber er nennt Dinge beim Namen, verbindet sie zu einem Ganzen und führt in Form beißender Ironie eine Wahrnehmungskategorie ein, die wir bei der Beschäftigung mit “unserer” Normalität verlernt haben: Ekel. Als ich diese mir längst bekannten Praktiken so schonungslos präsentiert bekam und anderen (deutschen) Realitäten und Umgangsformen mit korruptionsverdächtigen Strukturen gegenübergestellt sah, hat es mich gebeutelt vor Ekel.
Das kleine Feature dauert nur etwas mehr als fünf Minuten, und doch sind diese fünf Minuten vielleicht die wichtigsten, die über diese spezielle Facette Österreichs je berichtet wurden. Nachdem ich den Beitrag zu Ende gesehen hatte, habe ich getwittert: “Die dringend nötige Watsche von außen!” Und doch leistet der Bericht weit mehr als eine schallende Ohrfeige für ein Land, das sich im Herzen Europas wähnt. Der ZAPP-Bericht führt den biedermeierlich wurschtigen Umgang mit herrenbauernartigen Machtgebrauch in einer Weise vor, die das partikulare Problem zu einer gleichsam allegorischen pars-pro-toto-Erzählung ausweitete. Mit einem Mal stand nicht nur ein bananenrepublikanisches Medien-Politik-Geflecht am Pranger, sondern der IST-Zustand der zivilgesellschaftlichen Kultur, also letztlich auch der demokratiepolitischen Qualität made in Austria. Um diese ist es seit einem Vierteljahrhundert nicht gut bestellt, seit der (Rechts)Populismus mit seiner opportunistischen Logik Stück für Stück – auch abseits der einschlägig verdächtigen Parteien – die politischen und gesellschaftlichen Diskurse usurpiert hat und als Argumentationsweise selbstverständlich geworden ist. Das kommt einer Ent-ekelung des Ekelhaften gleich und ist in mehrerlei Hinsicht fatal. Darauf wird noch gesondert einzugehen sein.
Zurück zum ZAPP-Bericht. Bei Twitter war das Topic sofort hot, bei Facebook detto, bei den Online-Portalen der Holzmedienzunft herrschte dagegen tote Hose. Wenn man den Beitrag gesehen hat, versteht man sofort warum. (Wiewohl es in Zeiten sozialer Netzwerke natürlich absurd ist zu glauben, dass man in etwas totschweigen kann, was “da draußen im Netz” oder in deutschen TV-Sendern sich ereignet.) Nun ist es natürlich nicht so, dass in Österreich keine Aufklärungstätigkeit geleistet würde. In den letzten Jahren hat sich sogar einiges zum Guten gewandelt. Eine Korruptionsstaatsanwaltschaft wurde gegründet, und auch zu den konkreten Vorwürfen rund um die Inseratenschaltungen der Politik in für sie wichtigen (Boulevard)Medien, die im Gegenzug freundliche Berichterstattung garantieren soll, laufen Ermittlungen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist ebenfalls mit der Thematik befasst, und ein neues (diese Woche verabschiedetes) Gesetz soll künftig für mehr Transparenz sorgen. Das ist richtig und gut so. Der Anlass gebietet es auch.
All das ersetzt aber nicht einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der
a.) partikulare Probleme in einer ganzheitlichen Perspektive sieht,
b.) ethische Standards via zivilgesellschaftlichen Konsens festlegt und
c.) deren Einhaltung im politischen, wirtschaftlichen und medialen Machtstrukturen unablässig einmahnt und mit wachem Auge beobachtet.
Stellt man solche Forderungen auf, dann ertönt von manchen Seiten natürlich gleich das übliche Gutmenschenpoliticalcorrectness-Empörungsgeschrei, aber Qualitätsdemokratien zeichnen sich genau durch solche Standards aus, und die sorgen letztenendes nachhaltig und im großen Stil für Empörungsprävention - nicht wie die von Rechtspopulisten angebotene kurze emotionalen Aufwallung, welche bei manchen Zeitgenossen in eine resignative “De dans sies eh richtn do obn, wias as woin, und do konn ma nix mochn”-Stimmung mündet, was wiederum “Protestwählerstimmen” generiert, die “Denkzettel” verkünden, aber leider immer vergessen zu sagen, was denn aus ihrer Sicht konkret bedacht werden sollte. (Dass die Empfänger dieser Proteststimmen den zuvor polemisch angeprangerten Filz dann selbst weiterführen und sogar ausbauen, hat uns die Zeit zwischen 2000 und 2006 recht schauerlich gelehrt, allen geschwungenen Reden “gegen den Filz da oben” zum Trotz . In diesem Zusammenhang ist auch eine Unterscheidung zwischen Populismus und Emotionalisierung vonnöten: Emotionalisierung ist, anders als manche meinen, nämlich nicht per se etwas Schlechtes sondern unabdingbar: Empathie als Voraussetzung für gesellschaftliches Handeln ist z.B. zunächst nichts anderes als Emotion. Jedoch muss Emotionalisierung immer auch die Strukturen von Handlungen und Fehlhandlungen berücksichtigen. Es ist in diesem Sinn ein großer Unterschied, ob so emotionalisiert wird oder so. (Wie sich der Populismus der Politik und der Populismus der “kleinen Leute” strukturell bedingen und eine downward-spiral nach unten in Gang setzen habe ich vor einiger Zeit hier zu analysieren versucht.)
Cui bono?
Ein normativer zivilgesellschaftlicher Ansatz würde letztlich den Blick für Missbrauch der Macht durch Politiker aber auch durch Medien schärfen. Es muss im Zusammenhang mit den in so geballter Form aufgetretenen Korruptionsfällen der jüngeren Zeitgeschichte schon auch die Frage gestellt werden, wie sich so ein Missbrauchssystem überhaupt etablieren konnte, und ob ein kritischerer zivilgesellschaftlicher Diskurs nicht manches hätte verhindern können. Die ganzheitliche Perspektivik wäre beim Aufzeigen von Problemen sehr hilfreich, da man so rasch erkennen könnte, dass viele der Probleme (Korruptionsfälle, Bankenpleiten, Bildungspolitik etc.), die Österreich in Sachen Zivilgesellschaft und Demokratiepolitik hat, ähnliche Muster aufweisen: herrenbauernhafter Umgang mit Macht bar normativer Standards (Stichwort: “wo woa mei Leistung?”), die im populistischen Diskurs so gerne als “political correctness” der “Gutmenschen” lächerlich gemacht wird. Was das Anforderungsprofil seitens der Zivilgesellschaft an die politischen, wirtschaftlichen aber auch medialen Machtstrukturen betrifft, ist – so pauschal es klingt – das Level in Deutschland ein ungleich höheres. Wer deutsche Medienberichte über deutsche Innenpolitik verfolgt oder Journalistenfragen bei deutschen und österreichischen Pressekonferenzen miteinander vergleicht, wird diesen Eindruck nur bestätigen können. Die normative Kraft der Zivilgesellschaft lässt sich übrigens auch daran erkennen, dass es im Nachbarland eine Rücktrittsautomatik gibt, wenn das Überschreiten der Schwelle von Akzeptablem/Inakzeptablem oder Sagbarem/Nicht-Sagbarem ruchbar wird. (Jede Wette: In Österreich wäre zu Guttenberg leicht um den Rücktritt herumgekommen.) Das bedeutet natürlich nicht, dass Deutschland ein Schlaraffenland in Sachen Demokratiepolitik ist, aber außer Streit steht, dass die Selbstreinigungsmchanismen bei Fehlentwicklungen sehr viel nachhaltiger funktionieren als in Österreich. Als Beispiel kann hier das auch medial nachvollziehbare tief in die Strukturen gehende Aufklärungsinteresse rund um die vor einiger Zeit bekannt gewordenen Neonazi-Mordserie erwähnt werden. Die über einen langen Zeitraum entwickelte zivilgesellschaftliche Ethik sorgt für den nötigen Systemreinigungsdruck “von unten”. Eine Zivilgesellschaft hingegen, die zu großen Teilen gewohnt ist, sich (rechts)populistischen Instinkten (der gesund “Hausverstand” hinzugeben muss an solchen Herausforderungen naturgemäß scheitern und ist letztlich auch nicht sensibel genug, um korrupte Strukturen zu erkennen und in ihrer Dimension zu ermessen.
Die Rolle der Medien: Der Holzweg
Vom Zustand einzelner korrupter Bäume auf den Gesamtzustand des Waldes zu schließen, ist natürlich eine zentrale Aufgabe des Journalismus, wenn auch nicht ausschließlich. (Dass ich mich in diesem Zusammenhang mit den im ZAPP-Bericht angeprangerten Missständen natürlich nur auf solche beziehen kann, die nicht Teil des Politik-Mediengeflechtes sind, versteht sich von selbst.) Was man vom österreichischen Mainstream-Journalismus zu Fragen der österreichischen Demokratie serviert bekommt, sind meist Berichte, die
a.) im Chronikalstil abgefasst (der Nationalrat beschließt…) sind und den “großen Kontext” außen vor lassen, oder
b.) solche, die meist via OTS-Aussendungen das parteipolitische Schlammschlachtzitate-Pingpong ungefiltert in den medialen Diskurs umleiten, wo der “große Kontext” (unsere Demokratie) dann auch nur als substanzlose, populistische Platitüdensuppe rüberkommt.
Natürlich wird (an den Rändern des Mainstreams) auch in Österreich vortreffliche journalistische Analysearbeit geleistet, erwähnt seien hier Datum, Martin Blumenaus Journal bei FM4, oder das Blog zurPolitik.com, wo immer wieder Verbindungen zwischen Medien- und Demokratiepolitik hergestellt werden. In Summe aber sind diese Ausnahme zu wenig, um jenen Druck zu erzeugen, der präventiv gegen Machtmissbrauch wirkt und die Wahrung einer zivilgesellschaftlichen Ethik wenn schon nicht garantiert, so doch zumindest nachhaltig fördert. Und auch das hierzulande so gerne praktizierte Weggrinsen, Wegjoken, oder Abwiegeln direkter Problemansprache (via Standardfloskeln) unmöglich macht. (Genau diese Mischung bekommt man im ZAPP-Bericht in Gestalt des Bundeskanzlers serviert, nebst sichtbarer Verwunderung, dass dieser Gestus, der im medialen Inlandsgebrauch so tadellos funktioniert, von internationalen Medienvertretern eben gar nicht goutiert wird.)
What can be done? 4 Anregungen
Was können Journalisten konkret tun, wenn sie in ihrer täglichen Arbeit neben der Prozessperspektive, also den zerfaserten Meldungen, den Blick auf das “Projekt Demokratie” als Ganzes fokussieren wollen?
1.) External framing:
Der ZAPP-Bericht zeigt es vor: Außensichtweisen in die Innenperspektiven einfließen lassen: dies ermöglicht nicht zuletzt eine Messung der eigenen Verhältnisse an den Maßstäben anderer. So wird der so abstrakt klingende Begriff der “demokratischen Qualität” quasi empirisch überprüfbar. (Im ZAPP-Bericht, gleich im ersten Satz, geht dieser Vergleich für Österreich verheerend schlecht aus…) Die Einbeziehung externer Perspektiven gehört im österreichischen Journalismus nicht zum Standard. Auch nicht die explizite Bezugnahme auf international anerkannte normative “Demokratieratingagenturen” wie Transparency International. Jedenfalls nicht regelmäßig, wenn es um innenpolitische Fragen geht. Externe Perspektiven fließen meist nur alle paar Jahre in Form von 1-2-Satz-Auslandspressestimmen anlässlich von Bundespräsidenten- oder Nationalratswahlen in die Berichterstattung ein. Deutsche Medien wählen hier durchaus andere Zugänge. Die Einbeziehung von Fremdwahrnehmungen spielt eine deutlich größere Rolle im gedruckten wie elektronischen Alltag (v.a. in “Qualitätsmedien”, aber zum Teil sogar am Boulevard.) Das Argument, deutsche Innenpolitik würde in der Weltöffentlichkeit intensiver beobachtet werden als “das kleine Österreich”, mag stimmen, wer aber Google News gezielt researched, wird rasch merken, dass in internationalen Medien (und nicht nur in deutschsprachigen) sehr viel mehr “auf uns” geschaut wird, als vielfach angenommen. Die die analytische Fernsicht kann – wie im Falle des ZAPP-Berichtes – ein sehr wertvolles Positionsbestimmungstool sein. Auch wenn dabei am Ende Ekelgefühle herauskommen…
2.) Forcierung von Data Driven Journalism:
Was mir im Zusammenhang mit ambitioniertem Journalismus, der Strukturen sichtbar machen will, ebenfalls dringend geboten erscheint, ist eine intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten von Data Driven Journalism. In dieser Hinsicht gibt es gerade in österreichischen Medien viel Aufholbedarf. Dabei haben die digitalen Erzählmöglichkeiten und -visualisierungen die Chancen für Transparenz und das Sichtbarmachen des “long tail” von Korruptions- und anderen Geschichten erheblich erweitert. Wenn dabei, als logisches Nebenprodukt, auch die Forderungen nach mehr OpenData lauter würden, wäre der demokratischen Kultur auch schon ein klein wenig geholfen.
3.) Journalismus-FHs: Ausbildung vs. Bildung:
Dass die vor einigen Jahren gegründeten FHs in ihren Curricula wenig Energie darauf verwenden, ihre Studierenden als Demokratiekulturspürhunde auszubilden, liegt auch am Legitimationsdruck und der seltsamen Dichotomoe zwischen Bildung und Ausbildung: Journalismusgesetze auswendig lernen ist AUSbildung, Demokratie verstehen ist klassische Bildung. Der Markt verlangt – neoliberaler Imperativ! – aber handfeste Ausbildung. Dabei ist gerade die Fähigkeit zur Kontextualisierung das zentrale Aufklärungsinstrumentarium des Journalismus. Das klingt sehr schulmeisterlich, aber eine kritische Diskussion über die Aufgaben der Journalistenausbildungsinstitutionen in diesem Land könnte durchaus einmal auf breiter Basis geführt werden.
4.) Ehrliche Diskussion über Geschäftsmodelle für Journalismus im Nicht-Medienmarkt Österreich:
Dass im Falle des Politik-Medien-Filzes der Wille mancher (Holzmedien)Verlage, harten Aufklärungsjournalismus zu betreiben, nicht gerade sehr ausgeprägt gewesen ist, liegt auf der Hand: wer sägt schon gerne am Anzeigenast, auf dem er sitzt, und wer beißt schon gern die Hand, die einen füttert. Und gerade auch in diesem Punkt sind die zivilgesellschaftlichen Versäumnisse nur allzu spürbar. Heuchelei anstatt Dingen offen anzusprechen. Ich erinnere mich noch gut an meine Medienmanagement-Ausbildung, wo in einem Seminar das Prinzip politischer Hofberichterstattung als unumgänglich gelehrt wurde, da sich Medien anders nicht über Wasser halten könnten. Österreich sei kein Medienmarkt. Nachsatz: Aber meine Damen und Herren, psssst, das muss nach außen natürlich immer energisch in Abrede gestellt werden! Nach dem Motto: Unter den Teppich gekehrt, aus dem Sinn. Dabei täte nichts mehr Not, als eine ehrliche und mit offenem Visier geführte Diskussion über genau solche (markt)strukturellen Fragen: wie kann sich Journalismus in einem kleinen Land finanzieren, welche Geschäftsmodelle taugen, welche transparenten Förderungen sind nötig, um eine lebendige Medienlandschaft zu haben etc. So und nur so könnte sich eine win-win Situation für beide ergeben: für die Demokratie und für die Medien.
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de


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