Bei einem Aufenhalt in Berlin kam ich kürzlich – eher zufällig – am Museum für Kommunikation vorbei. Da mir an den beiden Folgetagen ein anstrengender Medienkongress bevorstand, war für – theoretischen wie praktischen – Kommunikationsinput ausreichend vorgesorgt. Zwei Ausstellungen waren vor dem Haus angekündigt: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kommunikation und Gerüchte. Während das erste Thema tendenziell mehr Kopfschmerzen als Interesse auslöste, konnte ich mich für das zweite schon etwas mehr erwärmen.
EIN WEBSITE, DIE LUST AUF MEHR MACHT
Da der medienleiter, wenn seine Füße schon wundgelaufen sind, ein missmutiger und ganz und gar ‘museophober’ Zeitgenosse ist, war ihm das nicht genug. So zückte er erstmal sein Smartphone – Google Maps war dank GPS auch schon beim Museum angekommen. Ein Klick auf die MfK-Website, in der Hoffnung, der Aussicht auf die Hatscherei von Objekt zu Objekt doch noch eine passende Ausrede entgegensetzen zu können. Diese wurde enttäuscht, denn Erfreuliches wurde aufs Display (und von da ins Auge des müden Betrachters) projiziert: eine übersichtlich gestaltete Ausstellungswebsite in angenehmem Design mit knappen, unverschwurbelt geschriebenen Textpassagen machte Lust, die 13 Themenbereiche näher kennenzulernen. Ein cool gemachtes (embedded) Video, das eine Berliner Schulklasse bei einem Besuch der Ausstellung gedreht hatte, ließ zudem interessante kuratorische Ansätze und Konzepte erwarten. Der “one small step for a man” (ins Museum, nicht auf den Mond) fiel mir dann gar nicht mehr so schwer. (Die berühmte Mondlandungsphrase steht übrigens auch in Verbindung mit einem Gerücht, dem vielleicht schillerndsten der Menschheitsgeschichte.)
MUSEUMSBESUCH ALS STORYTELLING-LANDSCHAFT
Der medienleiter betrat also das altehrwürdige Gebäude, berappte 3 Euronen für den Eintritt, gab Hut, Mantel und Netbook an der kostenlosen, aber umso freundlicheren und (darob auch trinkgeldwürdigen) Garderobe ab, besichtigte “Geschichte, Gegenwart…” im Schnellvorlauf, und war schwuppdiwupp im Reich der antiken Gerüchtegöttin Fama angelangt.
Und das hatte es in sich, womit wir beim “Making” angelangt wären. Das Konzept der Ausstellung ist stark auf Storytelling und die Einbeziehung des Zuschauers gebaut.
So gibt es einen Flüsterwald zu durchschreiten, der einem allerlei (Un)Wissenswertes aus Klatsch und Tratsch zuträgt. (Spontanassoziation: Der Wald der Fiktionen von Umberto Eco.) In dem Dickicht halbseidener Erzählungen befindet sich auch eine Gerüchtezentrale, wo der Gerüchteagent haust, der mit dem Publikum kommuniziert. Eine Art Puppenstuben-Installation, die mit Kunstgriffe des (avantgardistischen) Theaters hantiert, wie etwa hier bemerkt wird. Der “institutionalisierte Gschichtldrucker” ist aber nicht etwa am Rand sondern in der Mitte platziert. Er ist das sprichwörtliche Zentrum, um das sich alles dreht. Wer den Gang der Erzählungen manipuliert, kontrolliert und fasziniert die Welt ringsum. Ein Beispiel für Letzteres ist dieser Tweet des Museumsbesuchers @kadekmedien: “Eine Gerüchteagentin hat mir im @mfk_berlin die Info gesteckt, Knut, der Eisbär, sei an verstrahltem Fisch aus Japan verstorben. [...]“
Schnell wird klar: Das Spielchen, das hier mit dem Besucher getrieben wird, ist – ich sag’s pathetisch – eine Allegorie aufs Leben: Wir gehen durch Geschichten, deren Wahrheitsgehalt häufig fragwürdig ist, nehmen diese Tatsache aber gerne zur Kenntnis, weil uns die Geschichten und v.a. die Lust am Erzählen selbst faszinieren. Dazu zählen Urban Legends, abgewandelte Formen “Coke-Lores” (“Zersetzt 1 Liter Coca Cola in 24 Stunden nun wirklich ein Steak oder nicht?), Verschwörungstheorien aller Art und natürlich Stars-und-Sternchen-Gerüchte aus der Promiwelt des Boulevardjournalismus. (Würde man sich all dieses – in Hinblick auf ihren Wahrheitsgehalt – “unsichere Wissen” aus dem Blätterwald der Zeitungen wegdenken, wie armselig dünn wären diese…)
Der Grat, auf dem Gerüchte tanzen, ist ein schmaler: auf ihm werden Geschäfte und auch Politik gemacht, wie sich hier oder auch hier zeigt. Die Absturzgefahr ist genauso groß. Was macht Gerüchte aber so mächtig? Sie werden gerne geglaubt werden, das macht es für die Opfer der “heißen Luft” oftmals auch so schwer, sie zu entkräften (“irgendwas wird schon dran sein” etc.). Und natürlich bergen Gerüchte ganz konkrete Gefahren, wenn wir an xenophobe Stereotypen denken, und sie können zur Katastrophe führen, wenn man an das antisemtische Hetzpamphlet der Protokolle der Weisen von Zion denkt, das den Nationalsozialisten als Rechtfertigungsbaustein für die Shoah gedient hatte. Auch diese Aspekte werden im MfK nicht verschwiegen.
… AND MORE STORIES
Zum Storytelling-Gedanken der Ausstellung passt, dass die Diskurse, die sie eröffnet, vertieft und weitergesponnen werden. So gibt es im Rahmen der Ausstellung Veranstaltungen zu diesen (leicht trashig anmutenden) Themen:
- Die Mondlandung als Medienereignis. Apollo 11 und die Verschwörungstheorien
Vortrag von Daniel Grinsted, M.A. (Autor)
26.04.2011, 18.30 Uhr, Eintritt frei
- „Dunkle Schokolade macht weniger dick!“ Mythen aus der Gerüchteküche
Vortrag von Dorle Grünwald-Funk (Dipl.-Oecotrophologin)
3.05.2011, 18.30 Uhr, Eintritt frei
INTERAKTIVE MOMENTE
Teil der Fama-Industrie werden die Besucher, wenn sie den “Gerüchtegenerator” in Betrieb nehmen, der ihnen hilft, die “heiße Luft” seriell schwarz auf weiß zu fabrizieren. Die Ergebnisse kann man sich als Yellow Press-Headline ausdrucken lassen (und aufhängen). Bei einem speziellen Gerüchtetest wird ermittelt, wie resistent oder anfällig man selbst für Phänomene im Umgang mit Un- oder Halbwahrheiten ist. Da sich Gerüchte freilich auch gegen einen selbst richten können, ist es immer auch gut zu wissen, wie man sich gegen sie wappnen kann. Dabei hilft der “Rumor Fighter”, bei dem man ein “Gerüchteabwehrdiplom” erwerben kann.
DIGITALE ÜBERRASCHUNGEN
Bei alltagsgeschichtlichen Ausstellungen wie “Gerüchte” ist einem naturgemäß ein großer Teil der vermittelten Inhalte schon bekannt, allenfalls überrascht noch die Kombination von Aspekten, die so manche neue Perspektive auf ein Thema werfen kann. Dennoch stößt man bisweilen auf unbekannte Perlen. So erging es mir in der Videoabteilung, im Bereich der kreativen Umsetzungen zum Thema. Konkret meine ich den großartigen Cartoon Rumors von Friz Freleng mit dem tollpatschigen Soldaten Private Snafu als Titelheld. Ein bemerkenswertes Stück Komödie aus dem Jahr 1943. Im Zentrum des vierminütigen Videos steht das Gerücht, für die Amerikaner sei der aktuelle Krieg schon nicht mehr zu gewinnen. Eine ins Absurde inszenierte Paranoia setzt ein, die schließich in einem streng bewachten Quarantäne-Camp für “Rumoritis”-Erkrankte endet. Ein Cartoon, der seinesgleichen sucht!
EIN MUSEUM FÜR BLOGGER
Innovativ zeigt sich das Museum für Kommunikation nicht nur in der Inszenierung seiner Ausstellung sondern auch im Umgang mit “Social Media”. So hat man für Blogger ein spezielles Programm gestartet. Ich zitiere:
Wie war das eigentlich damals, als es das Web 2.0 noch nicht gab?
Museum für Kommunikation sucht Blogger!
Wir wollen Bloggern einen Einblick in die Geschichte der Kommunikation geben und dazu einladen, über aktuelle Entwicklungen und die Zukunft der Informationsgesellschaft nachzudenken.
Wie hat sich die Technik verändert? Was hat Kommunikation mit Macht zu tun und inwiefern beeinflusst das Web 2.0 die Verteilung dieser Macht? Wie könnte die Zukunft des Internets aussehen?
Blogger können sich bei freiem Eintritt einen Eindruck vom Museum und von unseren Ausstellungen verschaffen. Zusätzlich bekommen sie von uns einen Ausstellungskatalog, in dem man zuhause noch ein wenig schmökern kann. Blogger werden gebeten, sich über Twitter oder Facebook zu melden und einen Termin mit uns zu vereinbaren. (Quelle: http://www.mfk-berlin.de/nc/presse/aktuell/mitteilungen-detail/events/1954/p1/detail.html )
Davon können zweifellos viele Museen noch lernen.
FAZIT
Ein Ausstellungsbesuch, der gelohnt hat. Gut kuratiert, gute Auswahl von Inhalten, Objekten und Medien; dazu ein überzeugendes Storytelling-Konzept, das interaktive Ansätze bietet.



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