“Geteilt werden” als Paradigmenknick der Netzkultur?

[Dieser Beitrag wurde für die Blogparade des twentytwenty-Events Shared resources: Vom Mehrwert des Teilens verfasst und nimmt Bezug auf den Titel der Keynote-Lecture von Felix Stalder Teilen als Paradigma der (Netz)kultur, wobei in meinem Blogpost  ausschließlich um Netzkultur geht.]

Nicht viele Begriffe des täglichen Sprachgebrauchs sind mit einer so hohen moralischen Konnotation ausgestattet wie der des “Teilens”. Die hehren Prinzipien von Religion(en) und Ethik(en) treffen in ihm aufeinander. Wer hat, der gibt, damit andere auch haben. Wenn ganz viele Menschen diesen Grundsatz befolgen, so wird die Welt irgendwann eine bessere sein. Wenn man daran glaubt.

Teilen unterteilt sich in mehrere (Teil)Bedeutungen…

Ich gestehe: Nicht bei jedem meiner Facebook-Postings, das ich mit meinen Freunden und Kontakten “share” (=teile), bin ich mir der  sittlichen Tragweite meines Tuns bewusst. Man erkennt natürlich sofort, wie absurd es ist, die Bedeutung des Teilens im Socialmedia-Kontext in Beziehung zu setzen zu der zuvor erwähnten. Natürlich kommt – ich unterstelle einmal pauschal – bei Facebook-Postings & Co das eigene Ego vor hehren oder gar altruistischen Motiven. (Nun gut, auch bei “echten Wohltätern” spielt Anerkennung und öffentlicher Ruhm nicht selten eine wichtige Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Als das Web “social” wurde: Teilen als Spiel mit Imagetransfers

Ob dieser Tiger sein Frühstück mit mir teilen würde? Oder doch eher mich zum Frühstück zerteilen? Hmmmm, eigentlich sieht er ja ganz lieb aus. Und fragen kostet schließlich nix (so wie geteilte Facebook-Postings nix kosten)… [Bild: medienleiter]

Purer Zufall, dass im Netzkulturkontext eine kulturell hoch bewertete Bedeutung mit einer eher profanen zusammentrifft? Nicht wirklich: ein bisschen vom Glanz der Konnotation der ursprünglichen Begriffsbedeutung färbt auch auf die abstrahierte noch ab. Die Formel “ein Update mit den Freunden teilen”, klingt eben besser als “ein Update den Freunden verklickern”. Imagetransfers gehören zum Basisrepertoire der Werbung. Und gerade das Internet hat stark von solchen Imagetransfers profotiert. Aus dem für viele Menschen technokratisch anmutenden Web 1.0 wurde das “Social Web”. “Sozial” – auch so ein Reizwort, welches das Gehirn im Umfeld mit sehr positiven Werten abgespeichert hat, die auch dann wieder nach dem Prinzip der Pawlow’schen Hunde (unbewusst) “to the mind” kommen, wenn der Begriff in einer eigentlich total verfremdeten Bedeutung gebraucht wird. Subtext des Imagetransfers imFalle des “Social” Web: in einer Welt, in der die soziale Kälte mehr und mehr zunimmt, gibt dir Facebook Geborgenheit. Man weiß natürlich, dass dies ein Blödsinn ist, aber die emotionale Einstellung ist durch den Konnotations- und Imagetransfer dennoch manipuliert.

Wie das “Teilen” zu “Shares” führt

Zurück zum Teilen. Auch wenn Facebook, TwitterGoogle+ & Co heute vielen Menschen eher als Synonym für (Daten)Gier stehen, so ist festzuhalten, dass der Erfolg dieser Plattformen zunächst einmal auf einem Akt des Teilens beruht. Zwar haben sie nichts von sich selbst hergegeben, aber doch die Möglichkeiten der strukturierten Online-Kommunikationsvernetzung sehr vereinfacht und auf diese Weise einer Bevölkerungsmehrmeit zugänglich gemacht, was bis dahin vornehmlich Nerds vorbehalten war. Damit meine ich, dass es auch vor der Socialweb-Ära (ab etwa 2006) schon möglich war, sein Tun und seine Interessen über verschiedene Kommunikationskanäle (Skype, Messenger, Blogs, Foren etc.) hinweg professionell zu vernetzen. Voraussetzung dafür war jedoch, dass man ein hochaktiver User war, der entsprechend viel Zeit und Energie aufgewendet und in manchen Bereichen auch technisches Know How mitgebracht hat. Klar, dass nicht alle die Zeit und die Energie aufzubringen in der Lage/gewillt waren. Durch einfach zu bedienende Tools ruht das “Internet als Betriebssystem der Gesellschaft” (Gunter Dueck) heute auf vielen Schultern. Auf unser aller Schultern. In diesem Zusammenhang ist auch das Lob von Apple-Gott Steve Jobs für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu verstehen. Er “bewundere Zuckerberg dafür, dass er nicht auf schnelles Geld aus sei und stattdessen selbst seine Vision umsetzen wolle”, wie etwa hier zu lesen steht. Teilen als Teil einer (auf die Bevölkerungsmehrheit gerichteten) Vision, deren finaler Zweck – siehe Facebooks Börsengang – natürlich alles andere als selbstlos ist.

Die Historie des Teilens im Netzzeitalter

Setzen wir nun die verschiedenen Formen des “Teilens” zueinander in Beziehung, so erkennen wir, dass die eine Bedeutung von “Teilen” (=die Möglichkeiten des Internets auf viele Schultern verteilen) die andere (egozentrische Statusupdates) überhaupt erst möglich macht. Und ohne letztere wäre es auch nicht möglich, dass Socialmedia-Plattformen die gesammelten Daten ihrer UserInnen (gegen entsprechenden Rubel) mit der Werbeindustrie teilen. An dieser Stelle kommt eine dritte Bedeutungsebene von “Teilen” ins Spiel: “Shares” im Sinne von Aktienanteilen. (Auch wenn der aufzuteilende Kuchen im Zuge des Facebook-Börsenganges aktuell doch etwas kleiner ausfällt als erwartet…) Als Synthese ist hier zu notieren, dass es in der Netzkultur eine historisch gewachsene Hierarchie des “Teilens” gibt, in welcher die verschiedenen Bedeutungen in einem ganz speziellen Verhältnis zueinander zu begreifen sind. Je nach Stakeholder (UserInnen, Plattform, Werbeindustrie etc.) stehen jeweils andere Interessen im Vordergrund.

“Teilen” und “Geteilt werden”: Ein Knick im Paradigmenknick

Dass auch wir als UserInnen teilen müssen (Daten, Informationen etc.), ist für viele die Krot, die es eben zu schlucken gilt. Man nimmt schließlich eine Gegenleistung in Anspruch. Wieder kommt ein ethisch-legitimatorisches Narrativ ins Spiel: Wer nimmt, muss auch geben. Unangenehm zwar, aber vom Prinzip her einsichtig. Warum dieser Punkt dennoch so viel “Unbehagen in der Netzkultur” (man gestatte mir diese Anleihe bei Sigmund Freud…)  bereitet, hat freilich noch einen anderen Grund als den, dass man lieber nimmt als teilt. Ich meine, dass das “Paradigma des Teilens” in der Netzkultur genau an dieser Stelle (einen wenn schon nicht Paradigmenwechsel so doch) einen Paradigmenknick erfährt. Der Akt des Teilens ist in unserem kulturellen Gedächtnis eng mit der Vorstellung eines starken Subjekts verknüpft. Der Grund hierfür liegt darin, dass im Teilen ganz überdeutlich “intentionales Bewusstsein” (= Nachweis der Subjekt-Natur des Menschen) zum Vorschein kommt, welches an den Stellschrauben der Beziehung Ich-Welt dreht. Durch diesen souveränen Akt wird die Eigenständigkeit und Autonomie des Subjekts emphasiert. Die Sprache ist hierfür ein guter Indikator: Wer teilt, wird häufig als “Gesamtpaket” beurteilt: “ein guter Mensch”, ”ein mediengeiler Selbstdarsteller” etc.

Genau diese entitätische Subjektkonstruktion wird auf der obersten Stufe der Pyramide “Teilen in der Netzkultur” nun aber zerbrochen. Damit die kapitalistische Form des Daten-Teilens (z.B. mit der Werbeindustrie) effizient funktioniert, bedarf es eines Kunstgriffs, der die UserInnen im Hintergrund in Datenobjekte zer-teilt. So ist etwa bekannt, dass Facebook mindestens 84 Datenkategorien über jeden Nutzer speichert. Kurz gesagt: Social Media Targeting funktioniert setzt voraus, dass UserInnen nach marketingrelevanten Bedeutungs-Units aufgeteilt werden können. Dies ist aber ein Paradoxon: es bedeutet, dass die kulturell gespeicherten Umgangsformen mit Teilen und Sharing in ihr Gegenteil verkehrt werdenAnstatt dass ich durch mein Teilen meinen Bezug zur Welt selbst aktiv gestalte, wird er nach den kommerziellen Interessen anderer gestaltet. Aus dem Aktivum wird plötzlich ein Passivum. Und auf diesen Paradigmenknick sind wir durch unsere (abendländische) Kulturgeschichte nicht vorbereitet.
Der Kreislauf sieht in etwa so aus: Je mehr an Information und Interessenscontent ich teile, je mehr an Gesamtprofil ich über mich öffentlich mache, desto mehr werde ich zerteilt und fragmentiert – ohne irgendeine Form der Kontrolle über dieses Geteilt-Werden und seine Verwertung (in personalisierter oder aggregierter Form) zu haben. Dieser tote Winkel des Teilens sorgt für – ich erlaube mir eine Anleihe bei Sigmund Freud zu nehmen – “Unbehagen in der Netzkultur”. Ein Unbehagen, das freilich in aller Regel ohne Folgen bleibt. Wer will schon auf die Annehmlichkeiten von Facebook, Twitter & Co verzichten…

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@Rundshow: SocialTV im Versuchslabor

Von den großen Zweinull-Umbrüchen, welche die Geschäftsmodelle von Zeitungsverlagen weltweit in die Bredouille gebracht haben, ist das TV bislang weitgehend “verschont“ geblieben. Das alte elektronische Einbahnstraßenmedium TV hat dem Angriff des Rückkanalmediums Internet bisher standgehalten (Dass auch auch im Netz (legal oder illegal) TV geguckt wird, hat damit nichts zu tun, die monolineare Ausrichtung des Rezeptionsprozesses bleibt ja dieselbe.) Das heißt, die klare Trennung von Produzent und Konsument hat von den interaktiven Umbrüchen der digitalen Informationsökosysteme und Zwitterstrukturen (etwa im Sinne von produsage) bisher nichts abbekommen.

Lange Zeit blieb das TV von den Umbrüchen des “digitalen Medienwandels” durch das Internet verschont. Doch damit ist jetzt Schluss!

Das liegt natürlich auch in der Natur der Sache, d.h. in der Macht der Bilder. Während Sprache ein jede(r) irgendwo mehr oder weniger sinnvoll gebrauchen kann, um sich in Diskurse einzumengen, ist es beim TV schon allein aus technischen Gründen deutlich schwieriger, etwas Genießbares auf die HD-Screens in unseren Wohnzimmer zu zaubern. Und doch zeigen uns seit Jahren Videoplattformen wie Vimeo, dass auch usergenerierte Bewegtbilder (on demand) absolut massentauglich sein können. Von der Popularität einschlägiger Youtube-Celebrities können oftmals auch größere TV-Stars nur träumen. So ist es also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bastion Fernsehen irgendwann so “social” wird, wie es die klassischen Nachrichtenportale aus Zeitungsverlagen schon sind.

Und in der Tat: die Versuche, die Welten von Web und TV miteinander integral zu verknüpfen, werden zunehmend ausgereifter. Neu ist das Bestreben als solches freilich nicht: Denken wir etwa an die schon vor Jahren gestarteten Versuche, Web-Übertragungen (etwa bei ran.de von SAT1) von Fußballspielen mit Facebook- und Twitterströmen zu verknüpfen und so zum gemeinschaftlichen UserInnen-Erlebnis zu machen. Was sich in der Praxis allerdings als meist recht schwierig gestaltete, wenn viele UserInnen die Features gleichzeitig nützen wollen. Dann rauschten die Kommentare im Hundertstelsekundentakt schnell wie Sturzbäche an einem vorbei und Debatten konnten erst gar nicht entstehen. Abgesehen davon, dass man ja auch vom Spiel noch etwas mitbekommen möchte… Aber auch hier gibt es laufend Verbesserungen und die Applikationen werden zunehmend sinnvoller. (Vielleicht schreib ich demnächst mal ein eigenes Blogpost zu dem Thema.)

Das bislang am weitesten in Richtung SocialTV gehende Experiment startete gestern der Bayrische Rundfunk mit dem Konzept der Rundshow. Moderiert wird das zeitlich befristete Sendungsformat vom bekannten TV-Moderator sowie Netz- und Apple-Aficionado Richard Gutjahr (gemeinsam mit anderen ModeratorInnen; gestern war Daniel Fiene an der Reihe.) Das Besondere an der Rundshow besteht darin, dass hier tatsächlich Web und TV miteinander verschmelzen. UserInnen werden z.B. via Skype oder Google-Hangouts in die Sendung zum Talk geschaltet und auch eine Feedback gebende, mitdiskutierende App- und Socialmedia-Audience ist (gewissermaßen als Studiopublikum 2.0) in das Konzept eingearbeitet – so weit hat sich (zumindest im deutschen Sprachraum) bislang noch niemand vorgewagt.

Wie bei Premieren nicht unüblich, gab es Licht und Schatten: Beginnen wir mit letzterem, um dann die Potenziale besser highlighten zu können. Das Sendungsthema “Protestbewegungen in Spanien und Griechenland“ war gut gewählt und bot viele Entfaltungsmöglichkeiten, dennoch fühlten sich die 30 Minuten Sendezeit phasenweise an wie Schulfernsehen. Was nicht zuletzt einer bisweilen stark deplatziert wirkenden Zwangsoriginalität (Kuchengags etc.) der beiden Moderatoren geschuldet war. Auch fehlte dem Umgang im Austausch TV – Social Web noch das Selbstverständliche, was – wie bei Meedia zu Recht kritisiert wurde – zu einem hohen Maß an Selbstreferenzialität des Formats geführt hat. Aber gut, es war die erste Folge, und hier geht es auch um einen Lernprozess, an dessen Ende hoffentlich als Ergebnis zu verbuchen steht, dass Gespräche mit zugeschalteten Skype- oder Hangout-UserInnen und auch Wechsel von Medialitäten nichts Besonderes mehr sind. (Al Jazeera, dessen Format lt. Gutjahr eines der Vorbilder ist, sind auf diesem Terrain auf Grund viel größerer Erfahrung logischerweise schon weiter.) Die logische Folge dieses “Reiz des des Neuen“ macht sich auch dahingehend bemerkbar, dass es (noch) nicht gelungen ist, die Aufmerksamkeit vom medialen Experiment auf die Themen und die (leider viel zu kurz zugeschalteten) SprecherInnen zu lenken – was umso mehr schade ist, als diese durchaus Interessantes zu berichten gehabt hätten. Den Nutzen des Konzepts in einem inhaltlichen Mehrwert dingfest zu machen, ist also noch nicht geglückt. Aber zu diesem frühen Stadium wäre dies auch zu viel verlangt. Doch genau das muss das Ziel sein.

Dennoch würde ich meinen, dass der Versuch – als solchen sieht ihn Richard Gutjahr, wie er vergangene Woche bei einem Webinar-Talk der Wiener Fachhochschule für Journalismus und Medienmanagement erklärte – im Gelingen ist. Das große Potenzial von Social TV hat sich – wenn auch nur in kurzen Momenten – doch mehr als nur angedeutet. Die Protestbewegungen in Spanien und Griechenland aus der Perspektive von unmittelbar Betroffenen erzählen und beleuchten zu lassen, erweckt beim Zuseher ein deutlich stärkeres Gefühl des Dabeiseins, als wenn ein(e) professionelle(r) zugereiste(r) KorrespondentIn am Rande einer Demonstration Analysen auf der Basis von Agenturmeldungen anstellt und – um “on the spot“-Athmosphäre zu suggerieren – ein paar Sekunden O-Töne von PassantInnen einfließen lässt. Im Mehrwert an Authentizität aber auch an perspektivischer Subjektivität, die den Zuseher/die Zuseherin in die Dinge hineinzieht und selbst Urteile bilden lässt, sehe ich eine große Stärke von SocialTV gerade für den Nachrichten- und Magazinbereich.

Und nicht zuletzt auch eine Vorbedingung für das (zukünftige) Modell von Open Journalism, an dessen Entwicklung der Guardian gerade mit großem Eifer arbeitet. Damit die Einarbeitung interaktiver Content-Elemente sinnvoll funktionieren kann, bedarf es freilich auf allen Ebenen einer hohen und auch experimentellen Erfahrung mit den verschiedensten Formen von Socialmedia-Kommunikation, verteilt über mehrere Plattformen. Diese Erfahrungswerte werden sich dann bezahlt machen, wenn in der Zukunft die klassischen Medienbereiche und das Web noch weiter zusammenwachsen. Gutjahr meinte in besagtem Webinar, dass er davon ausgehe, dass nach einer Phase “TV so wie bisher“, aber doch auch nicht in allzu ferner Zukunft, die Weichen in Richtung SocialTV definitiv gestellt werden. In diesem Zusammenhang können die in Österreich geltenden Socialmedia-Beschränkungen für den ORF in der Zukunft noch zum Bumerang werden. Wie beim Skifahren gilt auch hier: Wer nicht früh genug testet und ein für sich passendes Setting findet, der verliert, wenn es darauf ankommt, schnell den Anschluss.

Der BR ist derzeit übrigens nicht die einzige TV-Anstalt, die sich auf das SocialTV-Parkett wagt. Auch das ZDF setzt im Zusammenhang mit der neuen Serie Die letzte Spur auf interaktive Features, wenn auch diese keinen Einfluss auf das Onscreen-Geschehen haben. Auch hier geht es um Erfahrungswerte und nicht zuletzt um die Möglichkeit, neue Formate durch professionellen Austausch mit ZuseherInnen und UserInnen via Social Web beständig zu optimieren. Davon ließ auch ich mich – bei Google+ kundgetan – entzücken:

Bild: medienleiter

Fazit: Der SocialTV-Zug ist gerade dabei, auf Schiene zu gehen. Mit Andockmanövern sollte man auch in Österreich nicht allzu lange warten…

Bildquelle (TV-Gerät): sigrid rossmann  / pixelio.de

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medienleiter-Berichte zur re:publica [Links]

Zwar konnte ich dieses Jahr leider nicht selbst zur re:publica nach Berlin fahren, doch dank Livestreams und reger Socialmedia- und Blogging-Berichterstattung war ich dennoch gefühltererweise auch ein bisschen mittendrin (anstatt dabei… ;-(   ). So habe ich denn auch ein paar Geschichten zur #rp12 zusammenzustellen können. Auf verschiedenen Plattformen, weshalb ich hier alles noch einmal zusammenführe und verlinke:

1.) #rp12: Alle 2.4 Sekunden ein Tweet, 2.Mai, veröffentlicht bei datenleiter

2.) Keep on #Socializing in a Free Web? … Eben Moglen’s Vortrag bei der #rp12, 3.Mai, veröffentlicht bei storify

3.) EU-Kommissarin Neelie Kroes bei der #rp12, 4.Mai, veröffentlicht bei storify

4.) Twitteranalyse: Gendering #rp12 in 4 Minuten, 4.Mai, veröffentlicht bei datenleiter

5.) Die geborgte Authentizität und warum die Zeiten für Blogs gerade günstig sind. Anmerkungen zur #rp12, 6.Mai, veröffentlicht bei medienleiter

Und um die Socialmedia-Transparenz zu komplettieren, sei auch noch auf die medienleiter-Tweets zur #rp12 verwiesen.

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Die geborgte Authentizität und warum die Zeiten für Blogs gerade günstig sind. Anmerkungen zur #rp12

So, nun ist also tatsächlich der gesamte April und auch fast schon ein Fünftel des Mai vergangen ohne ein einziges medienleiter-Blogpost. Viel Arbeit mag als Entschuldigung Ausrede durchgehen, aber trotzdem: Shame on me! Wobei ganz untätig war ich blogtechnisch ja denn auch nicht. In der Zeit erschienen vier (!) Einträge auf meinem Blog datenleiter (Daten und v.a. Datenjournalismus grooven, yeah!) Ist zwar auch keine wirklich berauschende Zahl, aber jetzt wird alles anders! Der Monat Mai (und alle ihm folgenden) wird zur Bloggingtime erkoren. Die innere Stimme befiehlt es, seit Sascha Lobo bei der re:publica diese Woche in Berlin 2012 zum Jahr des eigenen Weblogs  ausgerufen hat.

Lobos Ansatz: Während im Facebook-Internet alles, d.h. auch der eigene Content, “geborgt” ist und man sich zum sprichwörtlichen Diener einiger weniger (Daten)Herren macht, der nach eigenen (wirtschaftlichen) Interessen bestimmt, was angemessen ist und was nicht, bieten Blogs tatsächlich die Möglichkeit der Kontrolle über die eigenen Inhalte. Mit dem Triumphzug von Plattformen wie Facebook, Twitter & Co haben Blogs in den vergangenen Jahren freilich sukzessive an Bedeutung verloren. (In seiner Kolumne für Spiegel Online vor einigen Wochen führte Lobo dies vor einigen Wochen denn auch näher aus.) Ist irgendwo auch klar: in   die Facebook-Timeline ein paar Zeilen hineinzuposten, oder – en passant – ein paar Zeilen zu liken, ist viel easier und bedeutet v.a. viel weniger Zeitaufwand. Dabei ist schnell und einfach nicht immer am besten zu verdauen. Für inhaltliche Kommunikation jenseits des schnell Like-baren ist Facebook einfach nicht das richtige Environment – für mich jedenfalls. (Könnte ich nicht auf meine Blogposts hier verlinken hätte ich als medienleiter genau gar nix zu sagen.) “Facebook ist Fastfood, Bloggen ist selber kochen”, brachte es Ritchie Pettauer anlässlich des World Blogging Forums Vienna 2010 sehr schön auf den Punkt.

Wie sieht die Sache nun aus, wenn man die Lupe auf die re:publica 12 hält? Trotz massiver WLAN-Probleme vor Ort wurde getwittert, was das Zeug hält. Irgendwo habe ich von 40000 Tweets an den drei Tagen gelesen. (Ich hab die Zahl nicht selbst überprüft, daher ohne Gewähr!) Natürlich war der  Konferenzhashtag #rp2 ein weltweites Trending Topic. Für datenleiter habe ich Tweetfrequenzmessungen gemacht und kam zu verschiedenen Zeitpunkten auf Werte zwischen 1 Tweet alle 2.4 bzw. 2.8 Sekunden. Auch bei Facebook, Google+  & Co war das Thema natürlich big.

Vergleicht man nun aber das Verhältnis Blogberichte vs. Berichte “klassischer Medien” (so wie dieser Tweet mit verknüpfter Statistik), so überrascht doch, dass letztere quantitativ so deutlich überwiegen. Klar, bei den Newsberichten werden auch die hundertfach wortidentisch übernommenen Agenturberichte mitgezählt und doch würde man von einem Event mit 4.000 Leuten, das ursprünglich mal als BloggerInnenkonferenz in die Welt gesetzt wurde, eine nicht ganz so krasse Dysbalance erwarten. Natürlich ist Bloggen in der  Hektik einer Megakonferenz (mit technischen Unpässlichkeiten) alles ein bisschen mühsam.

Wichtige Erkenntnis von der re:publica 12: Bloggen zahlt sich aus!

Und überhaupt: Microblogging via Twitter ist ja auch irgendwo Blogging, das sich nicht zuletzt als Grundlage für kuratierte Geschichten z.B. mit storify sehr gut eignet. Ich habe selbst zwei Stories auf diese Weise zusammengestellt, eine über den Auftritt von EU-Kommissarin Neelie Kroes und eine über Eben Moglens Warnung vor einer Versklavung durch das Internet als Folge zu mächtiger Plattformen. Bei der Sichtung der Socialmediastreams auf der Suche nach brauchbaren Geschichtenbausteinen ist mir etwas aufgefallen: Die Tweets, die aus einer unmittelbarer Wahrnehmung heraus geschrieben wurden, waren bei beiden Themen nahezu an einer Hand abzuzählen. Selbst bei den Bewertungen zirkulierten hunderte Retweets aber nur sehr wenige originale Einschätzungen. Ist auch bequemer, den “Retweet to your followers”-Button zu drücken als selbst microzubloggen. Man sieht: selbst in der Miniatur von Twitter spiegelt sich das von Lobo im großen Kontext bedauerte Muster. Brutal gesagt, wird auf diese Weise selbst die Wahrnehmung und Meinungsäußerung zur geborgten Subjektivität. Aus drei, vier originalen Tweets wird aus der Timeline jener für den Retweet auserkoren, für den man sich am ehesten erwärmen kann. Multiple Choice-Authentizität, mit dem man seinen Followern zu verstehen gibt: Ich habe mich geäußert, Thema durch.

Ich weiß, das klingt alles ein wenig altbacken und Nase rümpfend. Ich wills aber mal positiv formulieren: Inmitten der Bequemlichkeitssocialmedianutzungskultur ist es mittlerweile recht einfach, mit originalen Beiträgen, die in der verbloggten Vertiefung auch mal länger als 140 Zeichen geraten, wahrgenommen zu werden. Needless to say, dass man so auch seine eigenen Points of view an den Mann und an die Frau bringt. Ein gutes Socialmediaenvironment vorausgesetzt (z.B. durch Trending Topics) ist es dann auch meist nicht schwer, auch größere Audiences anzusprechen. (Die Zugriffsstatistiken bei medienleiter haben mir das schon das eine oder andere mal bestätigt…)

Konkret gesprochen: Mit guten Zusammenfassungen von z.B. Konferenzpanels und einer klugen kritischen Auseinandersetzung im Anschluss (Profilierungsmöglichkeit!) ist es ganz und gar nicht  schwer, aufmerksamkeitsökonomisch zu punkten. Ein bisschen Mühe bereitet das natürlich schon, aber die Hürde ist auch nicht soooooooooooo groß. Die Zeiten für Blogs sind also in der Tat grad gar nicht mal so ungünstig. Oder anders gesagt: für schicke Themenrestaurants inmitten von Frittenbuden, die ihre Inhalte allesamt in dasselbe (abgestandene) Öl tunken ist Platz genug!

Bildquelle: flickr.com / (cc) iStockphoto I re:publica 2012

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Learning from The Guardian: #openjournalism als Schlüssel für die Zukunft?

  1. [Dieses Blogpost wurde mit storify kuratiert und ist auch hier abrufbar]

    I.) Wie sich die Geschichte mit den drei kleinen Schweinchen wirklich zugetragen hat - Ein Märchen erzählt mehr als 1000 Worte:

    Ein Werbespot des GUARDIAN stellt die Vorzüge von #openjournalism auf unvergleichliche Weise dar. Dabei wird auf ein fantastisches Storytelling-Konzept gesetzt. Grundlage ist das bekannte Märchen von den drei kleinen Schweinchen. Anno 2012 geht die Geschichte so: Die drei kleinen Schweinchen verlieren ihre Häuser. Sie beschuldigen sogleich den Wolf: er soll die Behausungen umgepustet haben. Pech für den Wolf, dass er derweil im Kochtopf landet und sich nicht mehr verteidigen kann. Der GUARDIAN und andere Medien berichten live und ausführlich über den Fall. Alles scheint klar, doch via Social Media macht sich Skepsis breit. User berichten, der Wolf sei Asthma-krank gewesen und hätte die Häuser gar nicht umpusten können. Die Enthüllungslawine kommt ins Rollen. Durch User, Journalisten und Behörden ensteht ein Aufklärungsnetzwerk. Die auf mehrere Schultern verteilte Recherche enthüllt schließlich “the whole picture”: die drei Schweinchen sind Versicherungsbetrüger und kaltblütige Wolfsmörder. Am Ende müssen sie sich vor Gericht verantworten. Die Moral von der Geschichte: Moderner Journalismus funktioniert als offenes Modell: kollaborativ und interaktiv! [(Aufmerksam auf den Spot wurde ich übrigens durch dieses Blogpost bei zeit.de.]

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    Guardian open journalism: Three Little Pigs advert – the Guardian
    Wed, Feb 29 2012 16:29:01
  3. II.) Die 10 Gebote von #openjournalism nach Alan Rusbridger, aufgeschnappt bei Twitter:
  4. Niemand kann die Sache besser und knapper auf den Punkt bringen als der Chefredakteur des Guardian selbst…
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    1. It encourages participation. It invites and/or allows a response #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 08:46:26
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    2. It is not an inert, “us” to “them” form of publishing #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 08:48:27
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    3. It encourages others to initiate debate.We can follow, as well as lead.We involve others pre-publication #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 08:56:41
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    4. It helps form communities of joint interest around subjects, issues or individuals #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:06:48
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    5.It’s open to the web. It links to, and collaborates with, other material (including services) on the web #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:30:29
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    6. It aggregates and/or curates the work of others #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:34:55
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    7. It recognizes that journalists are not the only voices of authority, expertise and interest #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:39:09
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    8. It aspires to achieve, and reflect, diversity as well as promoting shared values #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:44:00
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    9. It recognizes that publishing can be the beginning of the journalistic process rather than the end #openjournalism ….
    Tue, Mar 27 2012 09:45:45
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    10. It is transparent and open to challenge – including correction, clarification and addition #openjournalism
    Tue, Mar 27 2012 09:47:53
  15. III.) #Guttenplag: Es geht auch im deutschen Sprachraum


    Zwar kam bei GuttenPlag die Initiative nicht direkt aus dem Feld des ”klassischen Journalismus”, doch natürlich beruhte die Medienberichterstattung über die Plagiatsaffäre rund um den zurückgetretenen ehemaligen deutschen Verteidigungsminister zu Guttenberg zu einem großen Teil auf Erkenntnissen, die durch diese Form organisierter ”Schwarmintelligenz” zutage gefördert wurden. Das Beispiel zeigt, in welche Richtung der Journalismus initiativ werden kann, ja initiativ werden muss.
  16. IV.) Mentalizing #openjournalism: Vom Gatekeeping zum Gatewatching


    Der Imperativ, das alte Rollenverständnis von Journalismus als Info-Gatekeeper aufzugeben zugunsten des erweiterten Netzwerkgedankens ist auch in meinem Blog medienleiter immer wieder Thema. Etwa in diesem Beitrag (anlässlich eines Vortrags des Medienwissenschaftlers Axel Bruns im April 2011 in Wien), in dem es darum geht, dass sich ”klassische Medien” nicht als primus inter pares sondern als Teil eines Netzwerks begreifen müssen, in dem zunehmend Gatewatching gefragt ist. Das bedeutet nicht zuletzt Interaktion und Kollaboration mit anderen Teilen des Systems.
  17. V.) Das Rad der Zeit einfach zurückdrehen?
    Das Internet ist ein Sammelsurium ungelöster Fragen rund um Urheber- und sonstige Rechte - v.a. im deutschen Sprachraum. Vieles ist nicht mehr zeitgemäß und muss klar(er) geregelt werden (mit oder ohne #Acta, lieber ohne…). In Deutschland haben sich die Verlage von der Bundesregierung kürzlich ein Leistungsschutzrecht verordnen lassen. Ich halte diese Entwicklung (trotz Verständnis für manche Überlegung)  für gefährlich, da sie in der generell innovationsfeindlichen Medienbranche zu noch mehr Innovationsunwillen führen könnte, sich auf die tief greifenden Transformationen des Informationsökosystems adäquat einzulassen. Der Illusion folgend, eine Papierwand schütze vor dem Orkan ringsum…
  18. VI.) Further Reading / Learning Platform:
  19. Wer tiefer in die Welt von #openjournalismus eintauchen möchte, MUSS diese Seiten durcharbeiten! #Benchmarking
  20. VII.) Feedback und Kommentare zu dieser storify-Geschichte sind natürlich immer erwünscht:


    - auf meinem Blog: http://medienleiter.wordpress.com
    - via Twitter: @leiterm
    - per E-Mail: markus.leiter [at] gmail.com
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Aids als multimediale Erzählung. Keine Metapher.

[Dieser Text ist ein Supplement zu einer storify-Geschichte und erschien erstmalig bereits im Herbst 2009 im Vorgängerblog von medienleiter. Im wesentlichen ist die Textfassung gleich geblieben, ein paar Stellen habe ich überarbeitet. medienleiter]

Im Folgenden stelle ich einige narrative Aspekte einer sehr gelungenen Multimedia-Erzählungen des Online-Guardian vor. Im Herbst 2009 hat das Portal im Rahmen seines bemerkenswerten Themenschwerpunktes Aids ein MM-Special mit dem Titel World Aids Day: Think positive veröffentlicht, welches auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht, wie multimediale Kompositionen für Bewusstseinsarbeit eingesetzt werden können. Den Hintergrund für die Arbeit bildete ein seit 10 Jahren bestehendes, vom GUARDIAN und UNICEF unterstütztes Projekt in Kenia, für das der Photograph Gideon Mendel zu Foto- und Filmaufnahmen ins afrikanische Land gereist ist.

Entstanden sind neun berührende Geschichten, in denen Betroffene über ihr Schicksal (wie sie sich infizierten und wie sie von der Krankheit erfuhren), über ihren Alltag mit dem Virus, die medizinische Behandlung, über gesellschaftliche Diskriminierung, sowie über die psychischen und sozialen Folgen (inmitten oftmals großer Armut) berichten. Als Darstellungsmedien werden Fotos, Videos und Text eingesetzt. Hinzu kommt ein Bereich mit weiterführenden Artikeln und Links. Die Startseite zeigt in drei Reihen (4-3-2) neun Fotos von den neun Menschen, die ihre Geschichten erzählen. Die Bildsprache ist betont ästhetisch, auf Schockwirkungen á la Benetton oder auf Mitleid heischende Effekte wird aber gänzlich verzichtet. Das Titelbild des Specials weist einen stark heroisierenden Zug auf: ein junger Mann steht an einer Wand und nimmt eine Haltung wie Christus am Kreuz ein. Auf seiner nackten Brust prangt in weißen Lettern: HIV +. Vor ihm stehen acht Menschen, deren Gesichter man nicht sieht. Mit ihren Händen drücken sie den Körper ihres Landsmannes noch weiter gegen die Wand. Die symbolische (und nicht zuletzt auch biopolitische) Aussage des Bildes könnte kaum deutlicher sein.

Eine zuversichtlichere Message strahlt ein Fotos aus, das eine Frau zeigt, die ebenfalls von (nur zur Hälfte sichtbaren) Menschen umgeben ist: diese stehen hinter ihr und legen die Hände auf ihre Schulter, wobei die Frau ihrerseits die Hände der Mitmenschen ergreift – ein Gefühl von Solidarität macht sich (als deutlicher Kontrast zum Mann zuvor) breit. Ein anderes Bild zeigt eine Frau mit Kopftuch, welche (aus Scham?) die Hände vor ihr Gesicht hält. Wieder ein anderes zeigt eine Mutter mit Kind hinter einer Art durchsichtigem Plastikschleier, welcher die gesellschaftliche Isolation von HIV-Kranken symbolisieren könnte. Die Bildsprache ist bei jedem Foto so angelegt, dass immer ein Aspekt fokussiert und  ästhetisch inszeniert wird. Im Bildzentrum dominiert bei allen neun Fotos stets das Gesicht des porträtierten Menschen. Auch in diesem Punkt ist die symbolische Botschaft deutlich zu vernehmen: Die an HIV Erkrankten sollen – sprichwörtlich – ihr Gesicht wahren können und nicht als Träger einer Krankheit vorgeführt werden, die in der “Dritten“ wie in der “Ersten Welt“ für viele noch immer mehr ist als “nur” ein Virus (Stichwort: Aids als Strafe Gottes). Nicht zuletzt die Medienberichterstattung über Aids weist solche de-humanisierenden Züge auf: Die Krankheit und die an ihr Erkrankten werden immer noch häufig als Objekte der Projektion gesellschaftlicher Ängste re-präsentiert. Diesen Aspekt betont etwa das Foto mit der Frau, die statt ihrem Gesicht das Nicht-Zeigen desselben vorführt.

Blickt man auf die Bildstrecke in ihrer Gesamtheit, so formen sich die (symbolischen) Aussagen, welche die neun Bilder transportieren, zu einer zusammenhängenden Geschichte. Diese hebt sich in ihrer Erzählweise nun in wohltuender Weise von den (medialen) Ausschlussmechanismen ab, die Susan Sontags Essay “Aids und seine Metaphern” so scharfsinnig analysiert. Geht man die dramaturgische der Bildergeschichte durch, so wird ein beständiges Auf und Ab im Leben mit der Krankheit erkennbar. Sieht man in Bild 1 einen Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift “Knowing your HIV-status can change your life” trägt und erhobenen Hauptes geht, so zeigt das letzte Foto die Frau mit den Händen vor dem gesenkten Kopf. Zwischen dem erhobenen und dem gesenkten Kopf liegen (Video-)Erzählungen über Projektionen von außen (Vorurteile etc.) und soziale Dilemmata. An ihrem Ende steht (symbolisch) das Einknicken des menschlichen Antlitzes. Die verzweifelte Situation, mit der HIV-positive Menschen in Afrika und anderswo konfrontiert sind, wird auf diese Weise emblematisch dokumentiert, das zentrale Anliegen des Projekts eindrucksvoll untermauert.

Faszinierend an diesem Multimedia-Special ist freilich auch der Wechsel vom statischen zum bewegten Bild.  Klickt man auf die Fotos, so startet das Video mit der Geschichte des porträtierten Menschen. Das Foto ist zugleich für ein paar Sekunden das erste Video-Image und fungiert als Fenster in ein Haus voller Geschichten. Dabei wird das Tor von der Außenperspektive (des Foto zieht den Blick des Betrachters an) zur Innenperspektive des Betroffenen aufgestoßen. Auch hier ist der symbolische Ansatz unverkennbar: Die Eingefrorenheit der fotografischen Aufnahmen geht über in bewegte Bilder. Aus der Erstarrung, welche die Erkenntniszäsur “Knowing your HIV-status can change your life” mit sich bringt, gehen neun Lebensgeschichten hervor, in denen die Erkrankten jenseits äußerer Projektionsflächen, die bei der Wahrnehmung und Interpretation von Fotos (durch Nicht-Kranke) noch stark wirksam sind, selbst den Diskurs führen.

Doch darin allein schon ein Befreiungs(meta)narrativ von den Zwängen externer Zuschreibung zu sehen, wäre zu optimistisch gedacht. Denn natürlich wirkt das “Außen” auch im “Innen” nach. Manche Videos transportieren diese Botschaft: während die Kamera umherschweift und die von Armut und Tristesse geprägten räumlichen Dimensionen auslotet, bleibt der Kranke wie angewurzelt stehen, und spricht (für die dargestellte Umwelt unsichtbar) über seine Geschichte. Eine in die bewegte Umwelt hinein verlagerte Selbst-Erstarrung, eine symbolische Übernahme der starren Bilder von außen.

Auch im Bereich der Bewegtbild-Erzählungen ist deutlich eine pointierte dramaturgische Struktur zu erkennen. Diese gibt dann in der Tat Hoffnung: dominiert ganz besonders im ersten Video, in dem die Diagnose im Mittelpunkt steht, noch die Erstarrung – bewegt ist v.a. der (Kamera)Blick auf (und neben) die Kranken -, so lockert sich diese bei den folgenden Geschichten allmählich. Gänzlich verschwindet sie allerdings nie.

Spannend ist auch die Perspektive des Specials auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext von Aids. Die Trennung Gesunde / Kranke wird aufgehoben, wie das erste Video  ohne Umschweife deutlich macht: “Every individual in this country is HIV, whether positive or negative, you have a role to play.” Suggerieren im dazu gehörigen Foto die Hände, welche den in Christus-am-Kreuz-Haltung stehenden Mann gegen die Wand drücken, das Motiv gesellschaftlichen Ausschlusses, so vermittelt das Videobild (mit den nunmehr bewegten Händen) den Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlich gebrandmarkten Menschen und der ihn umgebenden Gesellschaft: während die sich als psychologischer Mob gebärdende Masse den Mann anstarrt, so steht auch sie (im wahrsten Sinne) in Berührung mit der Krankheit: etwa wenn Familienmitglieder, Freunde etc. erkranken, wenn ganze Dorfgemeinschaften durch AIDS dezimiert werden und in der Folge Wirtschafts- und Sozialstrukturen zusammenbrechen etc. Gerade das meta-narrative Zusammenspiel von fotografischer und animierter Bildsprache zeigt hier sehr präzise die gesellschaftliche Widersprüchlichkeit im Umgang mit HIV auf.

Es beeindruckt in diesem Guardian-Special, wie crossmediale Erzählsprachen gezielt eingesetzt und in den Dienst der Botschaft gestellt werden. Auf narrativer wie auf metanarrativer Ebene. Last but not least, werden am Ende der Videos UNICEF- und andere Botschaften zur Aids-Problematik in Kenia, dem Hilfsprogramm etc. eingeblendet. Angesichts der multimedialen Erzählverdichtung zuvor wirken genau diese Botschaften nun viel eindringlicher und konkreter, als wenn sie “nur” im Stile einer klassischen Bild-Text-Schere unter ein Foto oder in den Abspann eines Videos gesetzt würden.

Bild: Marcel Rolfes  / pixelio.de

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Ganz im Ernst: Data Driven Journalism is all about #Storytelling!

Eines gleich vorweg: Ich kann das Wort Datenjournalismus nicht leiden und bevorzuge den im Englischen gebräuchlichen Terminus Data Driven Journalism (DDJ). Auch wenn diese Korrektur auf den ersten Blick vielleicht nach besserwisserischer Pitzeligkeit eines notorischen Hippocrit aussieht, so steckt im Kompositum Daten-Journalismus doch schon ein fatales Grundmissverständnis der Materie, das sich leider auch durch so manche Debatte zum Thema zieht. Daten sind nämlich per se noch nicht Journalismus. Und werden es auch nie sein. (Freunde der gepflegten Wortkunst können beruhigt sein: Der Newsreader der Zukunft wird nicht Excel heißen!) Journalismus setzt immer auch eine spezifische Erzählform voraus!

Daten können den Ausgangspunkt für (journalistische) Erzählungen bilden. Das ist aber noch nichts Besonderes. Besonders wird es da, wo Daten dem Journalismus einen Drive (deshalb data driven… ;-) ) und einen Mehrwert verleihen. Etwa wenn er in Bereiche vordringt, die dem klassischen journalistischen Storytelling bislang verschlossen geblieben sind. Nehmen wir einmal an, ein Online-Magazin plant ein Themenspecial zum Thema “Gesundheitsbelastung durch Feinstaub“. Hier zeigen sich nun Relevanz und USP von DDJ sehr deutlich. (Auch wenn es peinlich ist, zitiere ich mich hier einmal selbst.)

Bei Themen wie Feinstaubbelastung wollen wir nicht nur mit einem globalen Mittelwert abgespeist werden, sondern v.a. wissen, wie es in unserer eigenen Umgebung diesbezüglich aussieht. Im klassischen, “für alle” produzierten Textjournalismus werden die Einzeldaten zu Gesamtdaten verwurstet und allenfalls noch einzelne Fallbeispiele herausgepickt. Der Rattenschwanz der Information (=LONG TAIL OF NEWS), in dem die für die Individuen relevante lokale bzw. sublokale Information steckt, geht in der Gesamtsumme aller Daten verloren und bleibt opak . Auf dem Prinzip der INTERAKTIVITÄT basierende Datengrafiken hingegen machen es möglich, dass jeder User für sich genau die Information herausholt, die für ihn/sie aus bestimmten Gründen relevant ist.(Quelle:http://medienleiter.wordpress.com/2012/02/28/6-tipps-wie-ngos-data-driven-journalism-fur-sich-nutzen-konnen/)

Auf diese Weise kann Journalismus die Entwicklung digitaler Technologien mitvollziehen, die – Stichwort: Personalisierung – immer näher an unsere Lebenswelt heranrücken und nicht zuletzt auch an Informationsdienstleister neue Herausforderung stellen. DDJ bietet in diesem Sinne dem Journalismus die Möglichkeit, mit dem von Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger beschriebenen Wandel des Informationsökosystem, mit dem ein tief greifender Kulturwandel insgesamt einhergeht, auf Augenhöhe zu bleiben. In diesem Licht ist es auch nicht vermessen, DDJ als disruptive Technologie zu bezeichnen. Aber – und das ist der springende Punkt: als disruptive Erzähltechnologie und nicht nur als digitale Anwendung!

Nun ist die Medienbranche insgesamt träge, wenn es um immanente Veränderung und Innovation geht. (In einem völlig anderen Zusammenhang zum Thema Leistungsschutzrecht habe ich das hier exemplarisch darzulegen versucht.) Nicht, dass man sich mit neuen Mäntelchen nicht gerne schmücken möchte. Ganz im Gegenteil! Aber vielfach belässt man es bei Innovations-Dekoration und missachtet die eigentlich entscheidenden Aspekte des Wandels. Ich nenne zwei Beispiele: Als die erste Version des iPad im Sonnensystem Apple erstrahlte, wollte man das Licht des Innovativen auch gleich auf sich selbst umlenken und wähnte sich gleichsam als Hohepriester des Apple-zentristischen Weltbildes. (Die damalige Aussage von Springer-Boss Matthias Döpfner, die Verleger dieser Welt müssten Gott für Steve Jobs und das iPad danken, spricht Bände…) Und womit warteten große Verlage wie Axel Springer erstmal auf? Mit klassischen old-school-Zeitungsausgaben in klassischen Spaltenformaten. (Mittlerweile hat sich diesbezüglich doch einiges gebessert.) Ganz so , als die neueste Technologie ein im Netzzeitalter bereits völlig antiquiertes Informationsmodell wieder flott und zukunftsträchtig machen könnte. Dem war natürlich nicht so.

Auch im Bereich Social Media hat ein großer Teil der Branche – nach anfänglichem Hype! – durch Beharren auf das mittlerweile völlig überkommene eigene Gatekeeper-Selbstbild wesentliche Entwicklungen des digitalen Kulturwandels bislang nicht bewältigen können. (Leistungsschutzrechte werden daran auch nichts ändern, sondern eher noch innovationsbremsende Wirkung zeitigen, was sie für die Verlage erst recht hoch gefährlich gemacht. Aber das ist ein anderes Thema) WikiLeaks, GuttenPlag haben den Verlagen deutlich vorgeführt, dass sie im neuen digitalen Informationsökosystem auch nur Passagiere sind (und auch dabei nicht die Primi inter Pares). Die “Schwarmintelligenz“-Initative des Guardian rund um den britischen Spesenskandal hat aber gezeigt, dass auch klassische News-Unternehmen die neuen Herausforderungen meistern können.

Der Begriff Daten-SATZ birgt in sich schon den Imperativ des Erzählens. Wer dies nicht beherzigt, dem wird das Feld DDJ ewig verschlossen bleiben!

Ich bin deshalb auf die Beispiele iPad und Social Media etwas näher eingegangen, weil ich fürchte, dass bei DDJ Ähnliches passieren wird. Langsam aber sicher entsteht ein Hype. Datenjournalismus (auch wenn ich das Wort nicht mag) ist zwar noch nicht in aller, aber in vieler Munde. Wieder wollen viele als innovativ gelten und denken doch hauptsächlich in Deko- und PR-Kategorien. Das Innovationsimage, das digitalen Technologien anhaftet, will man auf sich selbst umlenken. Im irrigen Glauben, dass ein bisschen Spielen mit Daten und Programmen schon DDJ ergibt. So diskutiert man dann vornehmlich über coole Tools anstatt über

S T O R Y T E L L I N G!

Der Leiter der Interactives Abteilung der New York Times, Aron Pilhofer, hat im Jahr 2010 beim scoopcamp (die beste Branchenveranstaltung im Bereich digitaler Journalismus überhaupt!) folgende Punkte genannt, die für guten DDJ entscheidend sind:

  • Daten sind der Beginn journalistischer Erzählungen, nicht ihr Ende
  • Man muss als Journalist die Daten erst selbst verstehen, bevor man daran gehen kann, sie zu veröffentlichen
  • Journalistische Accuracy muss Hand in Hand gehen mit Daten-Accuracy. Letztlich, so Pilhofer, trägt der Journalist und Herausgeber die Verantwortung für das, was er publiziert.
  • Die Daten müssen bei Datenjournalismus von vornherein in ein übergeordnetes narratives Konzept eingebaut sein.
  • Bei der Daten-Auswahl ist Fokussierung auf das Wesentliche geboten: Only publish figures that tell the story! Alles, was darüber hinausgeht (komplexe Tabellen, Listen etc.), ist lt. Pilhofer “Data-Porn”
  • Die wirklich wichtigen Informationen sollten dann visualisiert und interaktiv gemacht werden. Aufgabe der Visualisierungen: “Tell me the story!”
  • Best Practice Beispiel der NYT: Vertonung von Sekundenabständen beim Alpin-Skirennen

Haben Sie es bemerkt? In allen Punkten steht bei Pilhofer der Storytelling-Gedanke im Zentrum! Und das vermisse ich bei den hiesigen Debatten vielfach. (Nicht bei allen, aber im Bereich vieler Entscheider. Das Fatale ist ja – und das betrifft nicht nur diese Debatte -, dass es einen Mediendiskurs der zwei Geschwindigkeiten gibt. Auf der einen Seite Portale wie medialdigital.de von Ulrike Langer oder datenjournalist.de von Lorenz Matzat, wo Entwicklungen wie DDJ wirklich als disruptive Technologien behandelt werden, auf der anderen Seite das PR-Denken älterer Herrschaften in Holzmedienverlagen, welche das Internet in vielerlei Hinsicht unterschätzen.) Auch das als Mutter des modernen (hyperlokalen) DDJ geltende US-Portal everyblock.com ist darauf ausgerichtet, (auf Häuserblockebene) den Menschen vor Ort die Geschichten ihrer Lebenswelt zu erzählen. Auf Schnickschnack und “Data Porn” wird verzichtet.

Warum ist das so wichtig? Wenn man den Storytelling-Gedanken und die zu erzählende Geschichten nicht in den Vordergrund seines Tuns stellt, kann es leicht passieren, dass man entweder mit Tabellen-Inhalten aufwartet, die nichtssagend sind, oder die Geschichten in den Daten verkennt oder mit Stories aufwartet, die für kaum jemanden Relevanz haben. (Wenn mich etwas nicht interessiert, schaue ich es mir nicht an, wurscht wie innovativ das daherzukommen vermeint.) Wenn man aber den Storytelling-Gedanken in den Vordergrund stellt, erschließt sich einem das Feld DDJ auf ganz natürliche Weise – ohne zwanghafte wir-machen-jetzt-auf-DDJ-weil-dann-halten-uns-alle-für-cool-Attitüde. Ich gebe gern ein Beispiel, das ich auch schon in meinem Blogpost über das Visualisierungstool Gephi genannt habe: Bei den seit einiger Zeit täglichen Enthüllungen diverser österreichischer Korruptionsfälle, verliert mittlerweile so ziemlich jeder den Überblick. Bei systemischer Korruption werden Beziehungsgeflechte und Strukturen nun mal sehr schnell verschachtelt und komplex. Das haben im jüngsten (übrigens sehr guten) Club2 zum Thema auch die führenden Aufdeckungsjournalisten des Landes rund um Florian Klenk & Co eingeräumt. Hier könnte Datenvisualisierung – als Ergänzung zu den klassischen journalistischen Erzählformen – mit interaktiven Features wirklich Großartiges leisten! Etwa so: Grobe Übersicht auf einen Blick und je tiefer man sich als User in das Interactive hineinwühlt, desto detaillierter werden Information und Strukturen. Freilich müssen die Infos, die – ich formuliere es mal mit dem everyblock.com-Gründer und DDJ-Pionier Adrian Holovaty – in BLOB-Form vorliegen, erst noch maschinenverarbeitbar aufbereitet werden. Auch bei dieser Aufgabe kann everyblock.com als nachahmenswertes Vorbild dienen. Weil: auch bei diesem Prozess ist schon Storytelling-Kompetenz gefragt, da ich ja schon vorab genau wissen muss, was ich am Ende erzählen will und wie ich es erzählen will! Ein schlechtes Storyboard wird auch durch noch so coole Technologie nicht mehr besser!

Da ich diesen Text auch für die Blogparade anlässlich des Exploring 2020-Datenjournalismus-Workshops (mit Lorenz Matzat) heute Abend in Wien schreibe (ich freue mich schon sehr darauf!), beantworte ich natürlich auch gerne noch die gestellten Fragen in Kurzform. Wenn man obigen Text gelesen hat, wird man unschwer erraten können, dass ich das auch mit etwas Unbehagen tue, da die einzelnen Fragen v.a. auf Technologien und Tools abzielen und Storytelling-Aspekte kaum in Betracht ziehen. (Warum ich das für gefährlich halte, habe ich ausführlich dargetan):

Wir hätten von Euch gerne gewusst, wie sich das im Jahr 2020 für einen Anwender anfült, was Ihr Euch von Online-Medien wünscht bzw. was Ihr braucht, um selbst Datenjournalismus zu betreiben.

  • Auf welchen Geräten werden Ergebnisse datenjournalistischer Arbeit in Zukunft hauptsächlich genutzt? Auf allen Geräten, wo Journalismus genutzt wird. Die Bedeutung von DDJ ist nicht plattformabhängig sondern ein Ergebnis des digitalen Kulturwandels und des sich wandelnden “Informationsökosystems“ (Alan Rusbridger).
  • Wie intensiv wird die Interaktion mit Produkten des Datenjournalismus (Visualisierungen etc. ) stattfinden? DDJ wird sich neben anderen Erzählformaten des Journalismus etablieren und in derselben Weise wie diese genutzt werden. Das wird wohl noch einige Zeit dauern. DDJ wird ähnlich wie Social Media die klassischen Hype-Zyklen durchlaufen und dann selbstverständlich werden, vorausgesetzt, die Medienbranche hat sich bis dahin nicht durch Überheblichkeit und Innovationsverweigerung nicht schon selbst abgeschafft.
  • Welche Datenquellen sollten erschlossen werden und welche würdet Ihr besonders intensiv nutzen. Aktuell nutze ich div. OpenData-Kataloge, NGO’s haben sicher auch einiges zu bieten. Aber auch klassischer (BLOB-)Textjournalismus wird visualisiert werden, wenn es die Komplexität sinnvoll erscheinen lässt. Man muss halt immer Wege finde, die darzustellende Information maschinenlesbar zu verarbeiten.
  • Bleibt Datenjournalismus einigen wenigen vorbehalten oder werden sich immer mehr Menschen diese Fähigkeiten aneignen? Nein, bestimmt nicht. OpenData-Kataloge wie das entsprechende Portal der Stadt Wien sind einfach zu handeln, auch Tools wie der Google Public Data Explorer lassen sich ganz easy in Blogs integrieren. Viele Menschen nutzen das schon schon, und es werden immer mehr.
  • Welche Tools und Anwendungen werden das Erzählen der Geschichten aus dem Datenwald in Zukunft unterstützen? Ich nenne nur drei Beispiele: Google Public Data Explorer (http://www.google.com/publicdata/directory) habe ich genannt, sehr empfehlenswert finde ich auch das von Mirko Lorenz entwickelte Tool Datawrapper (http://datawrapper.de/ ), das ebenfalls im Text genannte (komplexe) Programm Gephi (http://gephi.org/ ) für Netzwerkvisualisierungen finde ich auch superspannend. Aber am wichtigsten ist und bleibt immer die Kreativität und die Lust anderen mit seiner Geschichte etwas zu erzählen! 
    Bildquelle: Gerd Altmann  / pixelio.de
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Präsentation: Gatewatching-Journalismus mit storify

Auf Wunsch habe ich mein Blogpost von vergangener Woche Wie man storify für spannenden Gatewatching-Journalismus nutzt. Erfahrungen und Tipps in einer knappen Präsentation zusammengefasst und bei Slideshare hochgeladen. Um es an dieser Stelle auch gleich zu embedden:

Den Beitrag über storify in der Ö1-Sendung Digital.Leben, in dem ich auch zu Wort gekommen bin, kann man sich hier anhören.

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Die #Socialmedia-Gegenreformation und andere Bubblegums

Letztens bin ich via Facebook (dank Christian Henner-Fehr) auf einen Blogtext zum Thema Die Social-Media-Blase platzt! Na und? aufmerksam geworden. Autor Steffen Meier hat den Titel schön gewählt, sodass ich mich (im besten Sinne des Wortes) provoziert an die Lektüre gemacht habe.

Was kommt nach den Socialmedia-Hypezyklen?

Was folgte, war eine durchaus differenzierte und brauchbare Auseinandersetzung mit dem Thema, auch wenn ich nicht mit allen Thesen konform gehe. Die zentrale Aussage des Textes läuft darauf hinaus, dass sich die nachhaltige Bedeutung von Socialmedia-Entwicklungen erst noch erweisen muss. Diese ist aber erst  absehbar, wenn die schönen Socialmedia-Dinger aus den Hype-Zyklen mit ihren extremen Ups&Downs ausgebrochen und unaufgeregt selbstverständlich geworden sind. Ich verstehe das als eine Art Filter: Was übrig bleibt, ist nachhaltig. Soweit aber sind wir aber noch nicht, derzeit ist, so Meier, gerade die Down- bzw. Schlechtreden-Phase im Anzug. Dazu heißt es:

…so fällt doch die Häufung des “Die Blase platzt”-Themas in den letzten Monaten auf. Es wird auf verschiedenen Schauplätzen ausgetragen, mal mehr oder weniger sachlich fundiert, mal mehr oder weniger auf Unterthemen spezialisiert. (Quelle: http://www.meier-meint.de/die-social-media-blase-platzt-na-und)

Oh ja, das fällt auf! Gerade auch in medienleiter‘s Journalismus-Gefilden, wo alles immer noch ein bisschen aufgeregter und bisweilen noch weniger sachlich verhandelt wird als anderswo in der Wirtschaft. Nach dem Leistungsschutzrechtsbeschluss in Deutschland ist, wie mir ein Medienmanager einer österreichischen Tageszeitung “gesteckt” hat, bei nicht wenigen in der Branche eine Art “Ärmel-hochkrempeln!”-Stimmung ausgebrochen, nach dem Motto: “Ein erster Schritt ist getan, jetzt wird weiter aufgeräumt.” Dabei stehen natürlich Formen der Netznutzung (Aggregieren, Kuratieren etc.) im Zentrum, die wir gemeinhin mit Social Media asssoziieren und die jetzt schon Teil unserer digitalen Kommunikationskultur geworden sind. (Im Informationsdienstleistungsgewerbe ist  in der Tat vieles schon während der Hype-Zyklen selbstverständliche Realität geworden. Was nicht alle freut… #Leistungsschutzrecht #Acta) Welche Konsequenzen und welches Chaos die Folge von Leistungsschutzrecht & Co sein können, wird übrigens in diesem Artikel bei Spiegel Online gut beleuchtet.

Dass bei den weiteren Bemühungen der Verlage noch stärker als bisher – in Lititgation-PR ähnlicher Manier? – auch einzelne Socialmedia-Plattformen in ein juristisch schiefes Licht gerückt werden, davon kann wohl ausgegangen werden. Es weht derzeit, so auch mein Eindruck, ein Hauch von Gegenreformationsstimmung durch die Branche. Diese ist sehr gefährlich, wie ich in meinem Blogpost Apokalypse vorgestern – Warum das Leistungsschutzrecht für die deutschen Medienverlage Gift ist darzulegen versucht habe:

Wenn die Verlage glauben, durch Leistungsschutzrechte von außen dem Imperativ zur immanenten Weiterentwicklung und Anpassung an das aktuelle Informationsökosystem und die aktuelle Netznutzungskultur zu entkommen, wird die Abwärtsspirale in gar nicht so ferner Zukunft für viele Medienunternehmen letal enden. Auch in Deutschland und Österreich. Machen wir uns nichts vor. Die Branche ist schwer krank. Bei der Genugtuung über das Leistungsschutzrecht und dem Lechzen nach Acta erinnert sie mitunter an Menschen mit Herzrhythmusproblemen, die glauben, sich mit Kokain (hier: Leistungsschutzrecht), Speed (hier etwa: ACTA) und Amphetaminen (hier: Tendenzen der PR-isierung des Journalismus in der Hoffnung, den Usern fällt das nicht auf) fit halten zu können.

[Lektüreempfehlungen: Im Zusammenhang mit der Problematik mangelnder Innovationsfähigkeit und -bereitschaft empfehle ich wärmstens den vor ein paar Tagen bei Poynter veröffentlichten Artikel How bad habits keep news companies from changing and what we can do to fix them! Über das Unbehagen vieler Journalisten gegenüber digitalen Veränderungsprozessen berichtet dieser Text bei wasmitmedien sehr anschaulich.]

Was Social Media betrifft, so ist nicht zuletzt zu konstatieren, dass in vielen Debatten rund um die Frage, wie das Web 2.0 den Verlagen schadet, oftmals ausgeblendet wird, dass der Terminus Social Media ja nicht nur Plattformen und Tools bezeichnet, sondern auch Veränderungen in der Netznutzungskultur und dem ihm zugrunde liegenden Informationsökosystem. Auch die durch die digitalen Möglichkeiten befeuerten Veränderungen im gesellschaftlichen Feld insgesamt dürfen in diesem Zusammenhang wohl nicht vergessen werden. Das weithin verbreitete Bedürfnis nach mehr partizipativer Demokratie, OpenGovernment, Transparenz etc. ist auch im und durch das Internet in seiner aktuellen Verfassung gewachsen. Dass Mediennutzung nicht mehr rein von der Dichotomie Produzent – Konsument her erklärbar ist, sondern neue Formen von Produtzung und (in philosophischer Perspektive) auch veränderte Netzsubjekte (die wir selbst sind!) begriffen werden müssen, legt nahe, dass die Transformationen, die gegenwärtig unsere Kultur insgesamt durchläuft, tief greifend sein müssen. Wenn Gunter Dueck das Internet als “Gesellschaftsbetriebssystem” definiert, wird auch klar, dass die immanenten Netzentwicklungen längst auch transzendierend verstanden werden müssen. Wer diese (zugegeben komplexen) Aspekte ausblendet und Social Media nur als “Plattformenkram” abtut, läuft Gefahr, kapitale Fehlschlüsse aus alledem zu ziehen. Wer mit Nachrichten handelt, für den können diese schnell fatal enden. Bisweilen tun sie es ja schon.

Aus diesem Grund habe ich via Slideshare einen kleinen “digitalen Spickzettel”  erstellt, der kompakt zusammenfasst, was mir rund die die Socialmedia-Debatte wirklich essenziell erscheint:

Social Media jenseits der Plattformen

Freilich verkennt nicht nur die Medienbranche, dass Socialmedia-Interaktion deutlich souveräne Gegenüber zum Vorschein bringt, als manche vor einiger Zeit noch vermutet hätten. In einem Xing-Forum bekam ich vor ein paar Monaten auf meinen Hinweis, dass Facebook- oder Twitter-Rückkanäle auch für PR-Arbeit eine wichtige Quelle  darstellen, von einem Diskutanten eine glatte Abfuhr:

Denken Sie immer dran: Das Gros Ihrer potentiellen Kunden ist noch viel viel viel ahnungsloser als wir hier im Forum.

Nun ja, in einem stimme ich zu: Denken ist in der Tat gut!

Bild: Rike  / pixelio.de

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“Les Miserables” Reloaded: Gephi – Visualisierung komplexer Systeme und Strukturen

[Diesen Text habe ich auch auf meinem #DDJ-Blog datenleiter veröffentlicht, und zwar hier]

Wer denkt, dass das Ursprungsmaterial bei Datenvisualisierungen immer Statistiken sein müssen, dem/der lege ich das interaktive Open Source-Projekt Gephi ans Herz. Ein faszinierendes Programm, mit dem  Netzwerke und Beziehungsstrukturen auch in noch so komplexen Texten und Datenströmen dargestellt werden können. Etwa in Victor Hugos tollem Roman Les Miserables (Die Elenden), der im Rahmen des Gephi-Tutorials für Lernzwecke visualisiert wird. Natürlich mussten die BLOB-Strukturen dieses Meisterwerks aus dem 19. Jahrhundert vor der Visualisierung erst noch maschinengerecht (nach quantifizierbaren Kriterien) aufbereitet werden. Was dann aber an Darstellung herauskommt, macht einen wirklich baff. Und rechtfertigt die Mühe und den zeitlichen Aufwand, der für das Erlernen von Gephi erforderlich ist. Die folgende Slideshare-Präsentation gibt einen knappen Überblick über das Programm.

Das folgende Vimeo-Video, zeigt, wie es aussehen kann, wenn Gephi als visualisierendes Analysetool zur Erhellung komplexer Artefakte (in diesem Fall Hugos Roman) eingesetzt wird (Kann der/die moderne  LiteraturwissenschaftsstudentIn im digitalen Zeitalter auf so etwas überhaupt noch verzichten??):

Expansion Plugin: Gephi: LesMiserables from Neil Rubens on Vimeo.

Wofür man das Tool sonst noch verwenden kann? Z.B. für dynamische Netzwerkanalyse von TV-Programmen und natürlich auch im journalistischen Bereich: etwa zur besseren Übersicht von  Beziehungsgeflechten und komplexen Strukturen bei ausufernden Korruptionsfällen. Wie gegenwärtig in Österreich. Wurde nicht im jüngsten (und sehr guten) Club2 zum Thema Aufdeckungsjournalismus beklagt, die Menschen würden bei der Vielzahl an täglichen Enthüllungen langsam aber sicher den Überblick verlieren? Nun, genau für solche Zwecke ist Gephi wie geschaffen.

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