[Dieser Beitrag wurde für die Blogparade des twentytwenty-Events Shared resources: Vom Mehrwert des Teilens verfasst und nimmt Bezug auf den Titel der Keynote-Lecture von Felix Stalder Teilen als Paradigma der (Netz)kultur, wobei in meinem Blogpost ausschließlich um Netzkultur geht.]
Nicht viele Begriffe des täglichen Sprachgebrauchs sind mit einer so hohen moralischen Konnotation ausgestattet wie der des “Teilens”. Die hehren Prinzipien von Religion(en) und Ethik(en) treffen in ihm aufeinander. Wer hat, der gibt, damit andere auch haben. Wenn ganz viele Menschen diesen Grundsatz befolgen, so wird die Welt irgendwann eine bessere sein. Wenn man daran glaubt.
Teilen unterteilt sich in mehrere (Teil)Bedeutungen…
Ich gestehe: Nicht bei jedem meiner Facebook-Postings, das ich mit meinen Freunden und Kontakten “share” (=teile), bin ich mir der sittlichen Tragweite meines Tuns bewusst. Man erkennt natürlich sofort, wie absurd es ist, die Bedeutung des Teilens im Socialmedia-Kontext in Beziehung zu setzen zu der zuvor erwähnten. Natürlich kommt – ich unterstelle einmal pauschal – bei Facebook-Postings & Co das eigene Ego vor hehren oder gar altruistischen Motiven. (Nun gut, auch bei “echten Wohltätern” spielt Anerkennung und öffentlicher Ruhm nicht selten eine wichtige Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Als das Web “social” wurde: Teilen als Spiel mit Imagetransfers

Ob dieser Tiger sein Frühstück mit mir teilen würde? Oder doch eher mich zum Frühstück zerteilen? Hmmmm, eigentlich sieht er ja ganz lieb aus. Und fragen kostet schließlich nix (so wie geteilte Facebook-Postings nix kosten)… [Bild: medienleiter]
Purer Zufall, dass im Netzkulturkontext eine kulturell hoch bewertete Bedeutung mit einer eher profanen zusammentrifft? Nicht wirklich: ein bisschen vom Glanz der Konnotation der ursprünglichen Begriffsbedeutung färbt auch auf die abstrahierte noch ab. Die Formel “ein Update mit den Freunden teilen”, klingt eben besser als “ein Update den Freunden verklickern”. Imagetransfers gehören zum Basisrepertoire der Werbung. Und gerade das Internet hat stark von solchen Imagetransfers profotiert. Aus dem für viele Menschen technokratisch anmutenden Web 1.0 wurde das “Social Web”. “Sozial” – auch so ein Reizwort, welches das Gehirn im Umfeld mit sehr positiven Werten abgespeichert hat, die auch dann wieder nach dem Prinzip der Pawlow’schen Hunde (unbewusst) “to the mind” kommen, wenn der Begriff in einer eigentlich total verfremdeten Bedeutung gebraucht wird. Subtext des Imagetransfers imFalle des “Social” Web: in einer Welt, in der die soziale Kälte mehr und mehr zunimmt, gibt dir Facebook Geborgenheit. Man weiß natürlich, dass dies ein Blödsinn ist, aber die emotionale Einstellung ist durch den Konnotations- und Imagetransfer dennoch manipuliert.
Wie das “Teilen” zu “Shares” führt
Zurück zum Teilen. Auch wenn Facebook, Twitter, Google+ & Co heute vielen Menschen eher als Synonym für (Daten)Gier stehen, so ist festzuhalten, dass der Erfolg dieser Plattformen zunächst einmal auf einem Akt des Teilens beruht. Zwar haben sie nichts von sich selbst hergegeben, aber doch die Möglichkeiten der strukturierten Online-Kommunikationsvernetzung sehr vereinfacht und auf diese Weise einer Bevölkerungsmehrmeit zugänglich gemacht, was bis dahin vornehmlich Nerds vorbehalten war. Damit meine ich, dass es auch vor der Socialweb-Ära (ab etwa 2006) schon möglich war, sein Tun und seine Interessen über verschiedene Kommunikationskanäle (Skype, Messenger, Blogs, Foren etc.) hinweg professionell zu vernetzen. Voraussetzung dafür war jedoch, dass man ein hochaktiver User war, der entsprechend viel Zeit und Energie aufgewendet und in manchen Bereichen auch technisches Know How mitgebracht hat. Klar, dass nicht alle die Zeit und die Energie aufzubringen in der Lage/gewillt waren. Durch einfach zu bedienende Tools ruht das “Internet als Betriebssystem der Gesellschaft” (Gunter Dueck) heute auf vielen Schultern. Auf unser aller Schultern. In diesem Zusammenhang ist auch das Lob von Apple-Gott Steve Jobs für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu verstehen. Er “bewundere Zuckerberg dafür, dass er nicht auf schnelles Geld aus sei und stattdessen selbst seine Vision umsetzen wolle”, wie etwa hier zu lesen steht. Teilen als Teil einer (auf die Bevölkerungsmehrheit gerichteten) Vision, deren finaler Zweck – siehe Facebooks Börsengang – natürlich alles andere als selbstlos ist.
Die Historie des Teilens im Netzzeitalter
Setzen wir nun die verschiedenen Formen des “Teilens” zueinander in Beziehung, so erkennen wir, dass die eine Bedeutung von “Teilen” (=die Möglichkeiten des Internets auf viele Schultern verteilen) die andere (egozentrische Statusupdates) überhaupt erst möglich macht. Und ohne letztere wäre es auch nicht möglich, dass Socialmedia-Plattformen die gesammelten Daten ihrer UserInnen (gegen entsprechenden Rubel) mit der Werbeindustrie teilen. An dieser Stelle kommt eine dritte Bedeutungsebene von “Teilen” ins Spiel: “Shares” im Sinne von Aktienanteilen. (Auch wenn der aufzuteilende Kuchen im Zuge des Facebook-Börsenganges aktuell doch etwas kleiner ausfällt als erwartet…) Als Synthese ist hier zu notieren, dass es in der Netzkultur eine historisch gewachsene Hierarchie des “Teilens” gibt, in welcher die verschiedenen Bedeutungen in einem ganz speziellen Verhältnis zueinander zu begreifen sind. Je nach Stakeholder (UserInnen, Plattform, Werbeindustrie etc.) stehen jeweils andere Interessen im Vordergrund.
“Teilen” und “Geteilt werden”: Ein Knick im Paradigmenknick
Dass auch wir als UserInnen teilen müssen (Daten, Informationen etc.), ist für viele die Krot, die es eben zu schlucken gilt. Man nimmt schließlich eine Gegenleistung in Anspruch. Wieder kommt ein ethisch-legitimatorisches Narrativ ins Spiel: Wer nimmt, muss auch geben. Unangenehm zwar, aber vom Prinzip her einsichtig. Warum dieser Punkt dennoch so viel “Unbehagen in der Netzkultur” (man gestatte mir diese Anleihe bei Sigmund Freud…) bereitet, hat freilich noch einen anderen Grund als den, dass man lieber nimmt als teilt. Ich meine, dass das “Paradigma des Teilens” in der Netzkultur genau an dieser Stelle (einen wenn schon nicht Paradigmenwechsel so doch) einen Paradigmenknick erfährt. Der Akt des Teilens ist in unserem kulturellen Gedächtnis eng mit der Vorstellung eines starken Subjekts verknüpft. Der Grund hierfür liegt darin, dass im Teilen ganz überdeutlich “intentionales Bewusstsein” (= Nachweis der Subjekt-Natur des Menschen) zum Vorschein kommt, welches an den Stellschrauben der Beziehung Ich-Welt dreht. Durch diesen souveränen Akt wird die Eigenständigkeit und Autonomie des Subjekts emphasiert. Die Sprache ist hierfür ein guter Indikator: Wer teilt, wird häufig als “Gesamtpaket” beurteilt: “ein guter Mensch”, ”ein mediengeiler Selbstdarsteller” etc.
Genau diese entitätische Subjektkonstruktion wird auf der obersten Stufe der Pyramide “Teilen in der Netzkultur” nun aber zerbrochen. Damit die kapitalistische Form des Daten-Teilens (z.B. mit der Werbeindustrie) effizient funktioniert, bedarf es eines Kunstgriffs, der die UserInnen im Hintergrund in Datenobjekte zer-teilt. So ist etwa bekannt, dass Facebook mindestens 84 Datenkategorien über jeden Nutzer speichert. Kurz gesagt: Social Media Targeting funktioniert setzt voraus, dass UserInnen nach marketingrelevanten Bedeutungs-Units aufgeteilt werden können. Dies ist aber ein Paradoxon: es bedeutet, dass die kulturell gespeicherten Umgangsformen mit Teilen und Sharing in ihr Gegenteil verkehrt werden. Anstatt dass ich durch mein Teilen meinen Bezug zur Welt selbst aktiv gestalte, wird er nach den kommerziellen Interessen anderer gestaltet. Aus dem Aktivum wird plötzlich ein Passivum. Und auf diesen Paradigmenknick sind wir durch unsere (abendländische) Kulturgeschichte nicht vorbereitet.
Der Kreislauf sieht in etwa so aus: Je mehr an Information und Interessenscontent ich teile, je mehr an Gesamtprofil ich über mich öffentlich mache, desto mehr werde ich zerteilt und fragmentiert – ohne irgendeine Form der Kontrolle über dieses Geteilt-Werden und seine Verwertung (in personalisierter oder aggregierter Form) zu haben. Dieser tote Winkel des Teilens sorgt für – ich erlaube mir eine Anleihe bei Sigmund Freud zu nehmen – “Unbehagen in der Netzkultur”. Ein Unbehagen, das freilich in aller Regel ohne Folgen bleibt. Wer will schon auf die Annehmlichkeiten von Facebook, Twitter & Co verzichten…




