Die Proteste rund um die geplatzte Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz haben neben der Debatte um Parteieneinfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Postenschacherpraktiken ein weiteres Thema aufs öffentliche Tapet gebracht: das Prekariat der freien ORF-Redakteure. Während die “Causa Pelinka” ob der hohen symbolischen Verdichtung (Pelinka als Symbol des Packeleiaufsteigers vs. ZiB-Redakteure als Symbol eines unabhängigen ORF) sofort stark emotionalisierte, taugt die “Hungerlohn”-Thematik nicht wirklich zur Socialmedia-Lawine. Leider.
Dennoch ist das Anliegen, das ich in verschiedenen Medienunternehmen aus nächster Nähe beobachten konnte, natürlich ein wichtiges. Gestern habe ich dazu ein sehr spannendes Blogpost der freien Ö1-Journalistin Barbara Kaufmann gelesen. Darin stellt sie den Wert der durch die Freelancer für das Unternehmen erbrachten Leistung der Wert-schätzung durch die Geschäftsführung desselben gegenüber. Interessant dabei: monetäre und persönliche Wertschätzung werden (zu Recht) als verknüpft empfunden:
Denn natürlich lautet die Botschaft einer Honorarnote, deren Summe nicht einmal annähernd in Relation zur erbrachten Leistung steht, implizit: mehr bist du uns nicht wert!
Das Gefühl kenne ich aus eigener Erfahrung. Die Formen des Umgangs mit dem Protest dagegen (Vertrösten auf bessere Zeiten etc.) ebenfalls. Und auch das Killerargument in Form des beinharten Realitätsprinzips: “es gibt da draußen genug Leute, die auf Euren Job nur warten und dieselbe Arbeit für noch weniger Kohle machen würden.” In der Tat: Medienarbeit weckt Enthusiasmus und lässt einen lange Zeit Prekariatszustände bereitwillig ertragen, weil die journalistische Tätigkeit als solche ausreichend Job-Satisfaction bietet. Für eine gewisse Zeit. Irgendwann versteht man nicht mehr, warum man sich als Dank für sein Engagement ausnutzen lässt.
Neben dem (öffentlichem Socialmedia-) Protest gegen ungerechte Prekariatszustände haben freie Journalisten aber noch eine andere Möglichkeit, den Mehr-Wert ihrer Leistung gegenüber dem Arbeit Auftraggeber geltend zu machen. Dazu erforderlich ist ein bisschen unternehmerisches Denken, indem man sich und seine journalistische Arbeit als Marke zu begreifen beginnt. (Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig dies für Journalisten sein kann, wenn sie für ihre Arbeit und das damit verbundene Berufsethos brennen.) Wie bei materiellen wird auch bei journalistischen Produkten der Wert erst in Verbindung mit dem entsprechenden Branding spürbar. Dazu braucht es entsprechendes Marketing. Personen- oder Selbstmarketing heißt, sein öffentliches Profil und seine Stärken gezielt in Szene zu setzen. Eine gute Plattform für Selbstmarketing sind Blogs (natürlich auch Videoblogs etc.), wo man zum einen seine Beiträge für den jeweiligen Auftraggeber aggregieren und zum anderen durch kurze regelmäßige Posts sein öffentliches Standing als Experte in einem bestimmten Bereich schärfen kann. Durch Möglichkeiten der Vernetzung mit anderen Spezialisten kann man sich über die geteilten Inhalte oftmals recht rasch eine Audience schaffen und so den eigenen Marktwert erhöhen. Das Prestige, für ein bedeutendes Medienunternehmen tätig zu sein, ist dabei natürlich hilfreich.
Freilich bedarf es, damit echter Nutzen in Form der angestrebten (Selbst-)Markenbildung entsteht, eines strategisch durchgeplanten Zugangs. ZEIT Online-Redakteur Sascha Venohr hat beim letztjährigen scoopcamp freien Redakteuren Mut zur Spezialisierung geraten. Das gilt natürlich auch und gerade für die Profilbildung, die für den (imaginären) Marktwert von Journalisten so entscheidend ist. Welche 5 Stufen dabei zu meistern sind, hat Ulrike Langer, Betreiberin des Blogs medialdigital und die m.E. beste Medienjournalistin im deutschen Sprachraum, in dieser Präsentation anschaulich gemacht:
Auch wenn in der Präsentation von Frau Onlinejournalisten im Fokus stehen, so lassen sich die fünf Stufen auch gut für Radio- und TV-Journalisten adaptieren. Have a look!
Nun kann man einwenden, dass für Journalisten, die bereits in einem Unternehmen arbeiten wie Angestellte (mit dem einzigen Unterschied, dass sie Prekariatslöhne erhalten) die Markenbildungsstrategie nichts bringt, weil ja – Killerargument! – genug Bewerber vor der Redaktionstüre warten, die kein Geld wollen. Dem halte ich zweierlei entgegen:
zum einen sind gerade die Mitarbeiter, die (intern wie öffentlich) als Spezialisten gebrandet sind, diejenigen, die für Unternehmen als unverzichtbar gelten. Da wird im Bedarfsfall – o Wunder! – plötzlich auch der finanzielle Spielraum größer. Nicht flächendeckend, aber immerhin für einzelne. (Eignung und Fähigkeit haben natürlich ursächlich nichts mit Selbstmarketing zu tun, aber Sie wissen ja, der Wert eines Produkts definiert sich über das Zusammenspiel von Leistung und MARKE).
Zum anderen verändert die Branding-Strategie auch die psychologische Beziehung des Redakteurs zum Arbeitgeber. Und nicht zuletzt hebt sie das Selbstwertgefühl des Journalisten. Ähnelt der Status vieler freier Mitarbeiter gegenwärtig – auch in der Eigenwahrnehmung – dem von Bettlern, die froh sein müssen, überhaupt für einen Almosen arbeiten zu dürfen, so ist die Beziehung zweier Marken bzw. Unternehmen zueinander doch schon eher eine auf Augenhöhe. Der Wert des Mitarbeiters wird zum öffentlich deklarierten Gut ist und ist nicht mehr alleine vom Arbeit- bzw. Auftraggeber abhängig, der diesen gnädig bestimmt. Dass der durch Self-Branding erzeugte Druck die Chancen auf finanzielle Wertanpassung eher erhöht als nur das Appellieren an Gerechtigkeit, dürfte feststehen. Zumal sich dies auch betriebswirtschaftlich argumentieren lässt: steigt der Wert einer Marke, mit der im Tagesgeschäft operiert wird, dann steigt der Return on Investment (ROI) und das Branding der Medienmarke. Was wäre z.B. die ZiB2 ohne das Image von Armin Wolf…? Vom Prestige der Mitarbeiter profitieren letztlich am allermeisten die Medienunternehmen selbst, im Kampf und Klicks und Quoten.
Mir ist klar, dass der von Ulrike Langer präsentierte 5-Stufen-Weg (aus verschiedenen Gründen) nicht für alle Journalisten gangbar ist, für manche könnte er aber doch Chancen für eine bessere Zukunft bieten. Und Hand aufs Herz: ein bisschen unternehmerischer Geist tut der journalistischen Redlichkeit keinen Abbruch. Eher im Gegenteil.


